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Mit dem Rennrad durch die Troubles: Radtour von Belfast nach Dublin

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Mit dem Rennrad von Belfast nach Dublin – ich fahre mit diversen Begleitern, zuerst mit Charlie

Die ersten drei Etappen des Giro d’Italia führen durch Nord-Irland und die Republik. Ich fahre auf dem Rennrad über windungsreiche Straßen durch ein Land, in dem die Teilung noch immer ein Thema ist

Eine Reisereportage von Dirk Lehmann (Fotos und Text)

Ein Strandidyll wie eine Fata Morgana, ein Patchwork aus Handtüchern und Decken bedeckt die Bucht, darauf knutschende Paare, dösende Männer, beieinander sitzende Frauen, alle genießen die Sonne, das Meer. „So kann es hier im Sommer aussehen“, sagt Charlie, auf das Foto zeigend. Dann stellt er seine nassen Radschuhe neben meine auf die Heizung und bestellt zwei Tee. Wir umschließen die Tassen mit klammen Fingern. Meine kribbeln.

Vor knapp vier Stunden startete die zweite Etappe meiner Radtour durch Nord-Irland. Und ich bin Charlie mehr als dankbar, dass er sich an unsere Verabredung hält, die wir gestern in einem Pub bekräftigt haben, dass er mich begleitet trotz des Regens. Kälte war im Wetterbericht vorher gesagt worden. Doch seit einiger Zeit bläst uns der Wind feinen Niesel entgegen. „In the face”, wie Charlie sagt. Es beeinträchtigt ihn offenbar nicht so sehr wie mich. Irische Rennradfahrer sind härter. Hätte Charlie heute nicht von der Hotelrezeption angerufen, vielleicht wäre ich einfach im Bett geblieben.

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Radfahren ist ein Draußensport: Start bei Bushmills im Nieselregen, der stärker und stärker wird. Irische Radler scheint das nicht zu stören, der nächste Pub mit Kamin kommt bestimmt

Diese Reise stand von vornherein unter keinem besonders guten Stern. Ich wollte mit meinem Freund Claus Peter die drei Eröffnungsetappen des Giro d’Italia in Irland fahren. Zum ersten Mal gibt es für die Italien-Rundfahrt eine Art „Grand Depart“ wie bei der Tour de France. Doch plötzlich erkrankte Claus Peters Mutter, er musste zu ihr. Ich grübelte, was tun. Canceln? Fahren? Canceln? Fahren. Ich zählte es an den Fingern ab. Da ich noch alle habe, war klar, was heraus kommen würde.

Seit meinem 12 Lebensjahr fahre ich Rennrad, ich liebe diesen Sport. Nicht wegen seiner „Helden“, sondern weil es nichts schöneres gibt als am Morgen das Rad auf die Straße zu tragen, die Handschuhe überzustreifen, die Schuhe in die Pedale einzurasten. Und los. 100, 150 Kilometer, nur das Rad und ich. Manchmal schließe ich zu anderen Radlern auf, man unterhält sich, gibt einander Windschatten, zieht weiter. Mit Claus Peter bin ich gut genug befreundet, dass wir stundenlang miteinander fahren können, auch ohne zu reden.

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Nicht überall ein gutes Pflaster: Fahrt durch die holprige Innenstadt von Belfast zu Daves Laden

Als wir lasen, dass der diesjährige Giro in Irland startet, wurden wir neugierig. Den Auftakt macht ein 21-Kilometer-Zeitfahren in Belfast, das wir als Sightseeing-Tour geplant hatten. Dann folgt eine Mörderetappe über 218 Kilometer von Belfast bis an die Küste und wieder zurück, die wir halbieren wollten (sie wäre sonst zu lang für uns). Und schließlich sollte es über 187 Kilometer von Armagh nach Dublin gehen, die letzte Etappe mussten wir um rund 30 Kilometer kürzen, unser Hotel liegt in Nähe des Flughafen, frühmorgens geht es zurück, da wartet ein ganz normaler Arbeitsmontag.

Nach Claus Peters Ausstieg suche ich im Internet nach Begleitern. Viele antworten. Aus Belfast meldet sich Dave Kane, ich lese, dass er 1966 irischer Meister über die 100 Meilen war, dass er als aktiver Fahrer am Giro d’Italia teilgenommen habe, dass ich seinen Laden nicht übersehen könne. Das Geschäft befinde sich direkt an der Strecke, er habe es zur Feier des giro-rosa angestrichen. Ich könne es nicht verfehlen. Es wird sich allerdings herausstellen, dass er mein Vorhaben eher moralisch unterstützt – er verkauft mir eine sehr gute Gesäßcreme von Chapeau.

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Synonym für eine Katastrophe: Auf der Werft Harland and Wolff wurden die Schiffe Britannic, Olympic und Titanic gebaut. Im spitzen Museum geht es um das größte Unglück der Seefahrt

Der Start erfolgte im „Titanic-Quarter“, so heißt das Hafen-Areal auf dem Gelände der Harland and Wolff-Werft in Belfast. Hier wurde das Schiff gebaut, dessen Name Synonym ist für eine der größten Katastrophen der Seefahrt. Ein 2012 eröffnetes Museum steht spitz und schartig wie ein Schiffstorso auf dem de-industriealisierten Werft-Gelände. Mit viel Multimedia wird dem Besucher ein Eindruck der Zeit vermittelt als die Stadt noch den Beinamen „Linenopolis“ trug und ein Weltzentrum für den Schiffsbau war.

Alex, einst Sportjournalist, leitet das Museum. Er fährt mit mir in die siebte Etage und zeigt, was nur die Gruppen in den Meeting-Rooms sehen: die berühmte Treppe. In James Camerons Film spielt sie eine wichtige Rolle, Kate Winslet kommt sie herunter, Leonardo di Caprio verliebt sich in die strahlende Frau auf den Stufen. Alex macht ein Foto von mir auf dem originalgetreuen, überraschend klein wirkenden Nachbau. Später, wir stehen in einem der Glas-Erker und sehen hinaus in einen trüben Tag, sagt er: „Da vorn siehst du die Docks, auf dem das Schiff gebaut wurde. Und die Höhe, auf der wir stehen, entspricht exakt der Höhe des Bugs der Titanic. Du weißt schon: I’m the King of the World!“ Er deutet lächelnd ein Ausbreiten der Arme an.

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Stufenweise: Blick in die Tiefe des Museums und auf den Nachbau der berühmten Treppe

So anschaulich das Museum auch ist, so spektakulär die Tour mit der im Gebäude installierten High-Tech-Schwebebahn durch das virtuelle Dock, in dem der Rumpf genietet wird, man weiß, am Ende steht der Untergang. Und das macht auch 100 Jahre danach noch traurig. Draußen ist es trüb und grau. In leicht düsterer Stimmung steige ich auf das Rad. Es ist windig und kühl. Langsam werden die alles überragenden, gelben Brückenkräne der Werft kleiner, und ich komme in die georgianische Innenstadt Belfasts mit ihren braun-roten Backsteinfassaden. In den engen Gassen des Kathedral-Quarters ist Rennrad überfordert. Und ich schiebe es durch die Lanes, in denen sich Pub an Pub reiht.

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Multimedia: alte Fotos und moderne Animationen zeigen das Schicksal der Titanic

Vor einem stehen, farbverschmiert, Donny und Marty und bepinseln ein Tor. Zwei Kerle um die 70. Ihre Wimmelbilder zeigen unzählige Personen. Einige erkenne ich erst als ihre Namen fallen. Ach, klar, Winston Churchill! Donny tut beleidigt, lacht dann. Er hat sich das Malen selbst bei gebracht. Wir unterhalten uns. Ich erfahre, dass er einst IRA-Mitglied war. Und er erzählt, wie er mit drei Kumpels eine Bank ausrauben wollte, es kam zur Schießerei, zwei Männer starben, er wurde schwer verletzt. Vier Kugeln. Sechs Jahre saß er im Knast. So war das „in the troubles“, in den Zeiten des Bürgerkriegs. „Es war eine wahnsinnige Zeit.“

Donnys Worte begleiten mich bei der Fahrt durch die Vororte von Belfast, durch Reihen niedriger Ziegelhäuser mit schwarzen Dächern und hohen Schornsteinen wie Schiffsschlote. „Wir waren vor allem jung und wütend”, hatte er gesagt. Ich rolle durch die katholische Falls Road, über der die irische Fahne weht, durch die Shankill Road mit dem Union Jack. „Wir waren nicht sehr gläubig, aber die Religion einte uns.” Ich komme vorbei an Murals, Propagandagemälden mit pathetisch-peinlichen Slogans, an Häusern hinter meterhohen Zäunen und passiere ein Tor in der Peaceline, es gab Zeiten, da wurde es nach Einbruch der Dunkelheit geschlossen. Ich habe lange in Berlin-West gelebt, und die Symbole der Teilung Belfast berühren mich. Auch wenn die Teilung hier andere Gründe hatte. „Wir haben uns wie Helden gefühlt. Aber wir waren Idioten.“

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Kunst und Propaganda: Donny bedient sich der Ästhetik der Murals und will vor allem unterhalten

Die Giro-Profis umfahren die Troubles. Ihre Route führt zum Parlament, es liegt auf einer 60 Meter hohen Kuppe. Auf dem Weg zurück in die Innenstadt halte ich vor dem rosa Laden von David Kane. Der frühere Radprofi ist inzwischen ein feingliedriger, alter Mann, gezeichnet von einem leichten Schlaganfall. In einer Vitrine bewahrt er Komponenten früherer Räder, Naben und Bremsen, Schaltungen und Hebel von Campagnolo. David fragt nach meiner Route, und sagt, dass der Norden schön sei, aber anspruchsvoll und wetteranfällig. Und dass er mich beneide.

Am Abend kehre ich zurück ins Hotel „Europa“, das laut Wikipedia das „most bombed hotel“ in Europa ist mit 28 Bombenanschlägen während der Troubles. Nach der Ankunftsnacht bewahrte man hier mein Gepäck auf. Ich treffe Norm von „Iron Donkey“. Bei ihm habe ich das Rennrad geliehen, einen soliden Alu-Renner von Trek – das eigene mitzunehmen wäre teurer geworden. Norm hat mir angeboten, mich an die Küste zu fahren, mein Hotel liegt bei Bushmills. Mit dem VW-Bus dauert es rund eine Stunde, die 80 Kilometer zurück zu legen.

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Die Sehnsucht nach dem Meer – und eine einsame Küstenstraße bei Bushmills

Selbst im Norden Nord-Irlands, wo die raue Schönheit des grünen Landes übergeht in ein silbrig-wildes Meer, sind die Troubles allgegenwärtig. In einem Pub treffe ich Charlie. Ich habe ihn per Facebook kennen gelernt. Da war er ein altersloser Rennrad-Freund. Nun sitzt mir ein drahtiger Herr gegenüber, 62 Jahre alt, mit schmalem Gesicht und kräftigen Händen. Er war Manager bei einer Versicherung in Belfast und lebt nun an der Küste in seinem ehemaligen Ferienhaus. Früher war es ihr Rückzugsort aus dem Gewalt-Alltag. Inzwischen wohnt er gern hier, im Whisky-Dorf Bushmills. Seiner Frau ist es zu ruhig, sie will zurück in die Stadt.

Charlie begleitet mich auf den ersten 70 Kilometern. Wir starten am Giants Causeway, jener bizarren Felsformation, die die Küste Nordirlands so einzigartig macht, wir kurbeln uns über wundervolle Straßen auf die Plateaus der Steilküste, von denen der Blick weit geht über das aufgewühlte Meer. Wir passieren einsame Kirchen, zerblasene Friedhöfe, verlassene Ruinen. Wir kämpfen uns über Hochebenen und durch bizarre Wälder, verschwinden in Nebeln und rollen durch Dörfer. Den Wind immer im Gesicht. Schließlich kehren wir in einem Pub ein, durchgefroren trotz der Hightech-Kleidung, aus den Schuhen tropft Wasser. Die Kälte zeichnet unsere Gesichter. Die Inhaberin hat Mitleid und schickt uns in den Nebenraum, vor den Kamin.

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Einige Leute setzen sich zu uns ans Feuer. Warum wir so seltsam angezogen seien, wollen sie wissen. Noch seltsamer finden sie, dass wir mit den Rädern Distanzen zurück legen, für die sie ins Auto steigen. Und nahezu verrückt erscheint ihnen, dass ich dafür aus Deutschland nach Nordirland komme. Sie erzählen von anderen seltsamen Deutschen. Wir lachen viel. Ich frage nach seltsamen Nord-Iren. Da fallen ihnen auch einige ein. Bald schon bezichtigen sie einander, seltsam zu sein. Wir lachen und lachen. Es fällt Charlie und mir schwer aufzustehen, aber wir müssen weiter. Er fährt nach Hause, für mich geht es über Belfast nach Armagh.

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Spirituelles Zentrum: In Armagh residieren der katholische und der anglikanische Bischof

Die kleine Stadt soll vom Heiligen Patrick gegründet worden sein und gilt als das spirituelle Zentrum Irlands, sie ist der Sitz sowohl des anglikanischen als auch des römisch-katholischen Bischofs. Ich kriege davon nicht allzu viel mit. Fix und fertig liege ich nach dem Duschen im Bett, gehe noch etwas essen und falle danach so tief in den Schlaf, dass ich nicht einmal mitbekomme, wie in den Schankraum unter mir eingebrochen wird. Offenbar nur um ein paar Pullen Schnaps zu stehlen. Spiritualität heute.

Ich mag Armagh, hell, grün, weitläufig. Der Regen hat aufgehört, der Wind ist eingeschlafen. Es ist Sonntag, alle Geschäfte sind geschlossen. Ich mache eine stille Stadtrundfahrt und folge dann meinem Navi aus dem Ort heraus, Richtung Südwesten. Hinter Keady kämpfe mich hinauf zum Fews Forest, dem mit 315 Metern höchsten Punkt des Giro d’Italia in Irland. Dann geht es über wundervolle Straßen durch ein sattgrünes, sanfthügeliges Land. Manchmal glitzert die Sonne in den Pfützen.

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Viadukt und Fews Forest. Mit Jeff fahre ich über die Grenze zwischen Nord-Irland und der Republik

Die unsichtbare Grenze zwischen Nord- und Republik-Irland nehme ich in Begleitung von Jeff. Ich treffe ihn bei Forkhill. Wir hatten uns per Facebook verabredet. Jetzt geht es Richtung Dundalk, dessen gotische St. Patrick’s Church die Stadt überragt, ein Ebenbild der King’s College Chapel in Cambridge. Jeff erzählt von seiner Kindheit, vom allgegenwärtigen Lärm der Helikopter, vom gleißenden Licht der Suchscheinwerfer, von der Angst vor Heckenschützen. Und doch wollte er hier nie weg, er lebt jetzt mit Frau und zwei Kindern in einem nahen Dorf, wenn er auf das Rad steigt, fährt er immer ganz bewusst durch beide Länder. Es soll sich endlich normal anfühlen, sagt er. Und fügt hinzu: „Aber ist ungewohnt. Noch immer.“ Später trinken wir einen Tee in der Campus-Tankstelle in Castlebellingham (es ist Sonntag, nur wenige Lokale haben auf, und die geöffneten sind so voll, dass wir uns in die Tanke zurück gezogen haben), draußen lehnen die Räder. Jeff hat mich etwas länger begleitet als er eigentlich wollte. Wir reden noch ein wenig. Dann müssen wir weiter.

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Hund und Vögel: Schwarm bei Dublin und ein großartiges Pale Ale mit dem Namen Headless Dog

Ich liebe diese Tour, die mich auf einer Rennstrecke durch die Geschichte einer Insel führt. Es fasziniert, wie frisch die Narben der Teilung zu sein scheinen. Sie sind mir vertraut und fern gleichermaßen. Vertraut, weil ich mich als langjähriger West-Berliner erinnere an das Leben in einer geteilten Stadt. Fern, weil ich nie verstehen werde, dass man sich gegenseitig ein Leid antun kann, nur weil der andere anders an denselben Gott glaubt. Und doch mag ich die Menschen, denen ich begegne, ihre Geschichten, ihren Humor. Ich liebe die Landschaft, durch die ich fahre. Hügelig, windungsreiche Straßen, jede Kurve eine Verheißung. Man vergisst sogar das schlechte Wetter. Noch 50 Kilometer bis Dublin.

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Feuerwerk_pushresetHinweis: Die Recherchereisen für diesen Blog werden zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien, Reedereien und/oder PR- bzw. Tourismus-Agenturen. Unsere journalistische Freiheit bleibt davon unangetastet. Wir danken Tourism Ireland.

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