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Großbritannien: Brighton – Englands greenest City

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Ein Paar in Brighton: Wir sehen Kinder am Strand fliegen und Korbstühle im Stadtteil Hove

Ein Reisebericht aus Brighton von Susanne Baade (Fotos) und Dirk Lehmann (Text)

Wir sind nach Brighton gereist, um dem Spirit dieser Stadt nachzuspüren: Was zieht Kreative und Köche, Lebenskünstler und Lebensgestalter in das Seebad. Wer sind sie? Was tun sie? Was treibt sie an? Wir haben Menschen getroffen, die diese Stadt prägen wollen und präsentieren in vier Teilen das Lebensgefühl der Brightonians. Teil III: Gärten.

„It is very fluffy“, sagt Claire und beschreibt mit diesem Wort den Geschmack der Hagebutte einer japanese rose, deutsch auch Kartoffelrose, die wild in einer Hecke wachsen. Flaffie, mit einem weichen offenen „a“, könnte auch der Name eines Haustiers sein, das Wort bedeutet so viel wie pelzig, weich. Und süß schmecke die Frucht auch, ergänzt Claire, macht dabei aber ein Gesicht wie Sauerbier. Man müsse allerdings die Kerne ausspucken. Gar nicht so leicht bei einer Frucht, die vor allem aus Kernen zu bestehen scheint.

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Exkursion in die Naschbarschaft: Am Parkplatz einer Grünanlage treffen wir Claire

Ein Paar auf Reisen erkundet Brighton. Jetzt sind wir unterwegs in einer Grünanlage am Stadtrand von Hove, der Zwillingsgemeinde Brightons. Spaziergänger führen ihre Hunde aus, Kinder spielen in den Büschen, und auf einem Rasenplatz jagen zwei Fußballmannschaften dem Ball hinterher, wir hören die Trillerpfeife des Schiris. Seltsamerweise liegt zwischen Bäumen und Hecken ein großer Supermarkt, in Einkaufswagen werden Lebensmittel zu den parkenden Autos gekarrt. Verglichen damit gehen wir einer fast subversiven Tätigkeit nach.

Reise in die Naschbarschaft

Auf dem Parkplatz des Supermarktes treffen Susanne und ich eine junge Frau, die mit uns durch die Büsche des Parks stromern will auf der Suche nach essbaren Früchten. Es gebe so viel, was man umsonst ernten könne, man habe nur vergessen, wie manches Obst und wie manche Kräuter heißen, und wo all das wächst. Und deshalb stehen wir jetzt an den Büschen mit den rotwangigen Hagebutten, drücken sie, riechen dran und trauen uns doch nicht so recht, hineinzubeißen. „Es ist besser, sie zu kochen“, sagt Claire, man könne auch Sirup daraus machen oder einen Cidre.

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Die Beeren von Brighton: Aus den Holunderbeeren lässt sich Schnaps machen, Brombeeren sind süß

Eigentlich ist die junge Frau mit den kurzen blonden Haaren und dem grünen Mini Cooper – sie fährt das britische Original – Innenarchitektin von Beruf. Seit einiger Zeit bietet sie Führungen an durch die essbaren Landschaften Brightons. Mehr als eine Stunde sind wir mit Claire unterwegs, zupfen Brombeeren aus Büschen,  beißen in saure Äpfel, rupfen Sauerampfer und lutschen an Cherry-Plums, die aussehen wie Kirschen und schmecken wie Pflaumen. Claire sagt, wer mit ihr durch ihre Stadt gehe, nimmt die anders wahr. Zudem hat es einen speziellen Reiz, vom eigenen Reiseziel zu naschen.

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Tasting-Tour in Hove: Claire führt uns in die Büsche, wir essen und testen, manchmal mit Skepsis

Brighton hat mehr zu bieten als eine schöne Strandpromenade mit Glücksspiel-Pier, einen fancy Palast und jede Menge Festivals, die der Stadt den Ruf einer Party-Town eingetragen haben. Wir begegnen Menschen, die für einen neuen Geist stehen, sie engagieren sich, treiben einen Wandel voran, den jeder Ort braucht, denn eine Stadt ist per se unstet, so sie denn keine Geisterstadt ist. Und Brighton ist lebendig, verdammt lebendig. Wie in kaum einer anderen Stadt lässt sich hier erleben, was Autoren wie Hanno Rauterberg als neuen Urban-Trend beschreiben: Dass sich die Bewohner einmischen. Sie gestalten ihre Nachbarschaft, übernehmen Verantwortung, sie prägen ihre Stadt. Man nennt es DIY-Urbanismus. Und ist es spannend, die engagierten Brightonians kennen zu lernen, die dahinter stehen – etwa Julie, eine der Organisatorinnen des Digital Festival, Cici die Frosch-Künstlerin, und Storm-Man Chris.

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Dining-Out im Grünen: Ein kurzer Film über unseren Essensspaziergang mit Claire. Und, Achtung, am Ende versucht Susanne eine Cherry-Plum zu probieren – und verschluckt sie einfach. Uuups…

Wir haben mit Claire von den Büschen Hoves gegessen und hocken jetzt auf einer ungewöhnlichen Holzbank vor dem Turm der St. Peter’s Church, der im typischen Perpendicular Style der englischen Spätgotik lotrecht und zackig hinter uns aufragt, neben uns die ebenso aufrechte Emma Friedlander. Wer die blonde Frau mit dem akkuraten Kurzhaarschnitt und dem freundlich-bestimmten Gesicht sieht, wird nicht glauben, dass sie zur Guerilla Brightons gehört. Emma hat einen Park erfunden und entwickelt. Sie hat die Zäune, die einst den Rasen vor der Kirche umgeben haben, demontieren lassen. Sie hat Blumen, Kräuter und allerlei Grün gepflanzt. Und sie hat nach einiger Zeit dafür gesorgt, dass Bänke aufgestellt wurden.

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Platz in jeder Dose: Für den Community-Garden dienen auch leere Öldosen als Pflanzgefäße

„Das Grün war zuerst da“, sagt Emma, „es gab auch immer wieder Neugierige, die fragten, was hier los sei. Aber so richtig wollte sich niemand interessieren für den Park, den sie „Valley Gardens“ nannte. Bis ihr klar wurde, es fehlt an Sitzgelegenheit. Emma nahm Kontakt auf mit der Universität, und die Architektur-Studenten entwickelte günstige und witterungsbeständige Outdoor-Möbel aus Pressspan und Pappe. „Und als sich die ersten setzten, da wusste ich, jetzt wird das Konzept angenommen.“ Ist sie stolz? Ein überraschend schüchternes Lächeln. „Ja.“

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Unter Aufsicht: Vor der Kirche entsteht der Community-Garden, gegründet von Emma Friedlander

Man sieht dieser Grünanlage an, dass sie selbst gemacht ist. Wer ein wenig weiter geht, betritt hinter der Kirche das Gegenstück zu den Valley Gardens, einen toll gemachten Park mit aufwändigen Beeten und Wasserspielen, mit Schaukeln, Seilbahn und Skatepark. Hier hat die Stadt viel Geld investiert und ein Areal, das bis dahin vor allem bevölkert war von Drogenabhängigen und Dealern, zurück gewonnen. Es ist schön geworden. Doch Emmas Park hat den Charme der Initiative, die Kraft des Authentischen.

Viel Geld gegen viel Herz

Und so wundert es nicht, dass viele Neugierige zum ersten Local-Food-Festival in Emmas Park kommen. Man kann Quiche essen und Gemüsesuppe, deutsche Bratwürste und französische Crepes. Es herrscht eine friedlich-fröhliche Stimmung. Verrückt, welch große Vielfalt diese eigentlich kleine Stadt in ihrer Lebensart zu bieten hat.

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Die Rückaneignung der Stadt: Simon kämpft gegen den Lärm, Pflanzen in Dosen als grüner Wall

Emma lacht und winkt ab, als wir den Garten „Emma’s Park“ nennen. Ohne die Mithilfe anderer wäre das hier nicht möglich gewesen. Er ist Teil einer größeren Initiative, die das Ziel hat Brighton lebenswerter zu machen. Neben vielen Einzelnen, die sich für diese Stadt in kleineren Projekten engagieren, investiert auch die Stadt in die Verbesserung der Wohnqualität. So werde Brighton stark vom Autoverkehr dominiert, deswegen habe Emma auch den Park auf dieser Verkehrsinsel errichten wollen. Damit man diesen Raum wieder nutzt. Und sie winkt einem Freund, er möge zu uns kommen. Simon arbeitet bei der Stadtregierung. Sein Job: Lärm und Umweltbelastung reduzieren, die Stadt ein Stück weit den in ihr wohnenden Menschen zurück geben.

Die Stadt als Projekt

Lange noch stehen wir zusammen, Simon – wüste Haare, Hemd aus der Hose, sympathische Stimme – berichtet von Studien, die eindeutig den Einfluss von Verkehrslärm auf die Gesundheit der Anwohner belegen. Und dass er hoffe, dass Brighton zur Green City von Groß Britannien wird. „Wir haben einen Ruf zu verlieren, schließlich saß der erste Abgeordnete der britischen Öko-Partei für Brighton im Parlament.“

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Local Food: Regionales Essen aus fliegenden Ständen in einem improvisierten Garten, mit dabei die Gründer von Campervanatics, die die Besucher mit „Real German Bratwurst“ begeistern

Am Abend sitzen wir in einem der ersten, rein vegetarischen Restaurant Großbritanniens. Klar, dass das in Brighton geöffnet hat. Vor genau 20 Jahren ging das „Terra à Terre“ an den Start. Und es hat eine Klasse in der Zubereitung und Präsentation der Speisen, die ihresgleichen sucht. Wir erhalten als Gruß aus der Küche mit Käse gefüllte, frittierte Oiven. Zur Vorspeise haben wir uns für einen Tapas-Teller entschieden mit Sesam-Tofu, Gazpacho, Avocado-Creme, Zucchini-Involtini und einem wahnsinnig leckeren Kichererbs-Burger. Als Hauptgericht serviert man Susanne einen gefüllten Champignon mit Ravioli, mir einen Auberginen-Taler mit Sesamkruste, dazu einen Salat aus Seetang, Möhren und schwarzen Spaghetti. Zum Dessert teilen wir uns eine Portion „Very British Berry“ – eine vielleicht etwas erdbeerlastige Beeren-Variation. Und doch: Wir haben eine Leistungsshow der vegetarischen Küche erlebt. Schon allein der Aufwand, mit dem das Essen präsentiert wurde, rechtfertigt alle Auszeichnungen, die das Lokal bislang erhalten.

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Vegetarische Kochkunst in Brighton: Newcomer „Food for Friends“ und Altstar „Terre à Terre“

Dem Terre-à-Terre kommt eine bedeutsame Vorreiterrolle zu. Inzwischen gibt es in Brighton so viele vegetarische Restaurants wie in kaum einer anderen Stadt. Restaurants wie „Iydea“ und Cafés wie „Infinity Foods“ stehen für einen neuen Trend in dieser ohnehin Food-verliebten Stadt. Und längst reicht Neugier schon nicht mehr aus, wenn man in einem dieser Trend-Lokale essen will. Man muss sich rechtzeitig entscheiden, vulgo es ernst meinen und nicht bloß so rumluschen. Und so gelingt es uns nicht, in einem der upcoming stars dieser Stadt zu essen. Das „Food for Friends“ ist auf Tage ausgebucht. Freundlich, aber bestimmt bittet uns der Kellner, demnächst ein paar Tage im Voraus zu reservieren.

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Ein unprätentiöser Ort für Genuss: Seit 20 Jahren serviert das Terre à Terre nur vegetarische Küche

Es ist spät, als wir uns auf den Rückweg ins Hotel machen. Der Herbst zeigt sich noch einmal von seiner besten Seite. Verblüffend, wie mild Brighton sein kann. Auf einer langen, langen Holzbank im Zentrum der Stadt sitzen viele Nachtschwärmer, küssen, quatschen, lachen. Wir suchen uns einen freien Platz und verweilen für ein paar Minuten zwischen ihnen. Spüren die Energie dieses Ortes. Die Nähe der Fremden. Den Groove, den eine Stadt haben kann, wenn sie authentisch ist und liebenswert, so dass sich die Menschen für sie und in ihr engagieren.

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