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Tour de Niederlande: 1. Etappe unserer Radreise – Aufbruch in die Welt der Knooppunter

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Testlauf vor der Bahnfahrt: Bevor wir in den Metronom nach Bremen steigen, prüfen wir die Fahreigenschaften des Radanhängers und genießen dann viel Platz im Waggon

Ein Reisebericht von Susanne Baade und Dirk Lehmann

Ein brandneues GPS-Gerät für Fahrräder habe ich an den Lenker montiert. Und noch die aktuelle Version der Bike-Routenplaner-App Naviki auf das iPhone geladen. Ich habe zur Sicherheit eine gute Karte gekauft. Und stehe jetzt vor einer großen Tafel, die all das überflüssig macht. Dass es sehr entspannend sein soll, in Holland zu radeln, das habe ich gelesen. Dass aber das Land ein Fahrrad-Paradies ist, erfahre ich schon gleich zu Beginn unserer Radtour durch die Niederlande. Als ich vor der Karte mit den Knooppunter stehe.

 

Clever statt Hightech

Knooppunter heißt auf Deutsch Knotenpunkte. Und die sind die Grundlage eines so verblüffend einfachen wie genialen Systems der Orientierung. Auf allen Radwegen durch die Niederlande findet man Wegweiser, Pfeile auf Schildern und/oder Kilometersteinen ergänzt um zwei – an Kreuzungen auch vier – Ziffern. Sie geben die Fahrtrichtung zum nächsten Knotenpunkt an. Da angekommen, findet man eine Karte, auf der der aktuelle Standort abzulesen ist und die ihm nächsten Knooppunter. Man sucht sich seine Route, indem man von Knotenpunkt zu Knotenpunkt navigiert, die Distanzen zwischen zweien betragen selten mehr als zehn Kilometer. So lassen sich spielend leicht selbst längere Strecken als Nummernfolge zurück legen.

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Ein Paradies für Cyclisten: Fahrt durch das Radparkhaus am Bahnhof von Groningen, vorbei an der Radplattform bis zum seltsamen Kreuzungsschild. Für Radler gibt es eine eigene, von Autos und Fußgängern unabhängige Grünphase. Alle fahren gleichzeitig los, es gilt rechts vor links 

Wir haben die Welt bereist. Und sie hat uns Demut gelehrt. Wir haben ferne Länder gesehen. Und das hat auch Neugier auf die Welt um uns herum geweckt. So reifte der Entschluss, eine Radtour durch die Niederlande zu machen. Ein Land, so nah, dass wir es nie wirklich als Reiseziel im Blick hatten. Hätten wir gewusst, dass es eine Reise in eine bessere Welt werden würde, hätten wir uns längst schon einmal aufgemacht in die Charakterlandschaft unserer Nachbarn.

Die Exotik der Nähe

Zum Verlauf unserer Radtour durch die Niederlande. Die erste Etappe führt mit der Bahn von Hamburg nach Groningen und dann auf den Rädern bis ans Lauwersmeer. Die zweite Etappe spielt auf Ameland und trägt den Titel „Urlaub auf der Insel des Windes“, denn der kühlt uns so sehr runter, dass wir gar nicht merken wie die Sonne unsere Nasen rötet. Auf der dritten Etappe folgen wir der Elf-Städte-Route durch verblüffend hübsche, gleichsam erstaunlich moderne Friesen-Städtchen bis ans Ijsselmeer. Und während der vierten Etappe erkunden wir Amsterdam, wir werden in einem Hausboot wohnen und ganz unmittelbar das 400 Jahre alte System der Grachten erleben.

Wir? Klar, Susanne und ich, Fotografin und Autor von push:RESET. Auf unserer Radtour durch die Niederlande begleiten uns meine Töchter Judith und Benita. Anfangs zeigten die beiden wenig Begeisterung für das Radeln. Benita wollte lieber schwimmen, Judith lieber chillen, ganz Teenager eben. Doch die Aussicht auf Tage am Strand und Nächte auf einem Hausboot haben überzeugt. Jetzt sind wir unterwegs mit einem bunt durcheinander gewürfelten Maschinenpark. Benita fährt ein straßentaugliches Mountainbike, Judith ein stabiles Trekking-Rad. Susanne sitzt auf einem Vintage Damen-Renner. Und ich beuge mich über meinen Randonneur. Mit Anhänger, vier großen Packtaschen und einem Rucksack sind wir eine recht große Fahrgemeinschaft. Und darunter werden wir noch leiden.

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Neunrädrige Reisegruppe: Wir müssen an einer hoch gezogenen Brücke warten und für ein Stadtfest stoppen. Wir lachen über Ortsnamen und über Schafe, die hinter einem Schild Schatten finden. Einmal sind Judith und Dirk desorientiert, und dann gibt es eine ordentliche Portion Frietjes

Doch am Anfang läuft alles gut. Nach fünfstündiger Zugfahrt mit zweimaligem Umsteigen – eine Verbindung, die uns auf bahn.de nicht angezeigt wurde (siehe Beitrag) – erreichen wir Groningen. Und da erleben wir die einzige befremdliche Begegnung. Susanne freut sich über die Kaffeemaschine an der Rezeption des Mercure-Hotels Groningen und fragt in höflichstem Englisch, ob sie sich eine Tasse eingießen dürfe. Das nimmt eine der beiden Mitarbeiterinnen zum Anlass, energisch hinter dem Tresen hervorzustampfen, laut schimpfend, dass der Automat nur für Frühstücksgäste wäre. Und sie schaltet die Maschine aus. Aha. So geht also das Gegenteil von Gastfreundschaft.

Nach dem Frühstück am nächsten Morgen, das alle Garstigkeit vergessen macht, beginnt unsere Radtour durch die Niederlande. Die Sonne scheint. Wir rollen durch Groningen, dessen Innenstadt geprägt ist von hübsch renovierten alten Backsteinhäusern und im Look der 70er Jahre dekorierten lässigen jungen Menschen. Und schon die ersten Minuten zeigen, wie entspannt eine Stadt sein kann, in der kaum Autos unterwegs sind. Für uns Radler gibt es oft eigene Fahrbahnen neben den Straßen. Wenn wir auf der Straße fahren müssen, erleben wir vor allem Rücksichtnahme, keine Autofahrer, die einem zeigen wollen, wer der Stärkere ist. Und so überrascht es nicht, dass außer uns niemand Helm trägt. Für Deutschland ermittelt die Statistik 65 Verkehrstote auf eine Million Einwohner, in den Niederlanden sind es 46.

Mehr Holland geht nicht

Am Ufer des Flüsschens Reitdip geht es aus der Stadt hinaus. Schon sind wir mitten drin in einer Landschaft, die allen Holland-Klischees entspricht: flach, grün, von Kanälen durchzogen, man wartet oft vor Hebebrücken, sieht Windmühlen und Kühe. Die Menschen machen es uns leicht, das Land zu mögen. Überall werden wir freundlich begrüßt bei unserer Radtour durch die Niederlande. In Ezinge gibt es ein Volksfest, wir essen Apfelkrapfen mit Puderzucker, und ein dicker Rocker im Harley-Davidson-Shirt zeigt uns wie wir am besten weiter fahren. Es wäre nicht nötig. Aber es war ein nettes Gespräch mit viel Lachen und gegenseitigem Unverständnis (Er: So viel Gepäck am Rad? Ich: So ein Knatter-Auspuff?). In Lauwerzijl entscheiden sich die Mädchen, durchzufahren. Sie wollen auf den geplanten Zwischenstopp am Lauwersmeer verzichten, so dass wir die Zelte noch heute auf Ameland aufbauen können. Zur Belohnung gibt es im pittoresken Dokkum eine ordentliche Portion Pommes, rot/weiß. Auch wenn die eher das Gegenteil von Kraftfutter sind.

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Abend mit Goldrand: Das Meer ist mal wieder weg. Dafür weiß Judith, wo es lang geht. Schließlich rollen wir auf die Fähre nach Ameland. Stolz und ein wenig gerädert nach 60 Kilometern

Am frühen Abend sprinten wir auf den Hafen von Holwerd zu. Fast 60 Kilometer sind wir heute gefahren. Ich hätte nie gedacht, dass Benita durchhalten würde. Doch jetzt, auf dem letzten Stück, muss ich sie ein wenig schieben, ihr helfen gegen den strammen Wind, der uns vom Meer entgegen bläst. Wir sind in Eile, in 15 Minuten legt die Fähre ab, die nächste kommt erst in etwas mehr als einer Stunde. Schließlich will sich das Mädchen den Triumph nicht nehmen lassen und nimmt die letzten Meter mit eigener Kraft.

Weiter als gedacht

Die Fahrt mit dem Schiff – 85 Euro für vier Personen mit vier Rädern, hin und zurück – dauert knapp eine Stunde. Es ist ein gemächlicher Slalom durch die Sandbänke und Untiefen des Wattenmeers. Wir sitzen an Deck und blinzeln in die tief stehende Sonne. Judith liest, Susanne genießt das Abendlicht. Erstaunlich, wie fit wir uns noch fühlen nach den vielen Kilometer auf unserer Radtour durch die Niederland. Und so nehmen wir fast leichtfüßig die letzten Kilometer bis zum Natuurkampeerterrein Middelpolle. Das entpuppt sich als wunderschöner, naturnaher Campingplatz. Er liegt am Rande eines Waldgebietes, durch die Bäume hört man die Nordsee an den Strand schlagen. Wohnwagen und -mobile sind nicht erlaubt, das Auto darf auch nicht auf dem Platz geparkt werden. Nur wenige Zelte stehen zwischen Bäumen und Hecken.

Wir errichten unsere bunten Kuppeln, füllen die Isomatten mit Luft, lassen die Schlafsäcke sich ausdehnen und steigen noch einmal auf die Räder für eine Fahrt in die Stadt. Noch eine Kleinigkeit essen, noch einen Drink nehmen. Und dann lassen wir uns vom Rauschen des Meeres in den Schlaf wiegen. Was ich noch nicht weiß: Benita wird nicht durchschlafen, und ich werden am nächsten Tag aussehen, als hätte ich in der Nacht einen Boxkampf gehabt.

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Schluss-Spurt: Links am Waldrand liegt der Camping-Platz Middelpolle auf Ameland

Info: Die besten Tools und Links die Planung einer eigenen Tour de Niederlande hier: www.holland.com

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Feuerwerk_pushresetHinweis: Die Recherchereisen für diesen Blog wurden zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien, Reedereien und/oder PR- bzw. Tourismus-Agenturen. Wir danken Marketing Groningen und dem Niederländischen Büro für Tourismus und Convention.

  1. Superschöner Bericht aus dem Fahrradparadies Niederlande. Sieht nach einem tollen Urlaub aus. Die Fahrradgarage in Groningen habe ich gleich erkannt, obwohl ich nur einmal von oben reingeguckt habe 😉

    LG Simone

    30. Juli 2013
  2. Liebe Simone,
    vielen Dank für den Kommentar. Ja, auch uns hat die Tour durch das Fahrradparadies so sehr gefallen, dass wir zwischenzeitlich sogar darüber nachgedacht haben, in Deutschland eine Bürgerinitiative zu gründen: Die Knotenpunkte.
    Herzliche Grüße
    Susanne&Dirk

    30. Juli 2013
  3. inabohse #

    Klasse Bericht, der Lust auf Holland macht! Ich war früher mit meinen Eltern oft dort, weil es so nah lag. Und doch war es durch die andere Währung immer ein Gefühl, als ob man ganz weit weg ist… Über die Knotenpunkte in Deutschland würde ich mich sehr freuen! Generell sollte man wirklich mehr Urlaub „in der Nähe“ und nicht immer nur von fernen Ländern träumen!

    Liebe Grüße aus der Speicherstadt,
    Ina

    30. Juli 2013
    • Liebe Ina,
      danke für das Lob. Und für das bereitwillige Teilen deiner Erinnerungen: Die Urlaube der Kindheit in Holland, wie die Niederlande wohl von den meisten Eltern genannt wurden, dürften tatsächlich die Erinnerungen mehrere Generationen prägen. Und wer denkt da nicht an Quallen, Strandburgen und großen Wellen?

      Aber wie wenig recht man dem Land damit tut, zeigen nicht nur die Knooppunter. Im Laufe der Reise entdecken wir noch so manch beneidenswertes an der holländischen Lebensart. Tja, so ist das mit dem oft verkannten Glück der Nähe.
      Herzlichste Grüße aus der Neustadt
      Susanne&Dirk

      30. Juli 2013

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