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Lese-Stoff: Eine Hommage auf das Leben vor der Küste – Inselstolz

Bulle von Helgoland, ©Ankerherz-Verlag

Fussballstar, ©Ankerherz-Verlag

Charakter-Köppe: Von Journalisten hält der Polizist Kenneth Rostig nicht viel, seit einer dem Helgoländer ein Kinn wie Quentin Tarantino angedichtet hat. Der Fußballer Jonny Vestering hat in seiner Laufbahn mehr als 1500 Tore geschossen, nach ihm wurde ein Stadion benannt (Abbildungen ©Inselstolz)

Immer wieder musste ich Susanne aus diesem Buch vorlesen. Anfangs hörte sie aufmerksam zu, doch nach und nach begann sie – während ich las! –, andere Dinge zu tun. Vielleicht mag ich die „Inselstolz“-Geschichten ein wenig zu sehr. Warum? Weil ich selbst mal Insulaner war, undzwar auf Helgoland. Damals gab es noch einen nennenswerten zollfreien Einkauf, eine Stange Zigaretten kostete nur etwa halb so viel wie auf dem Festland, auch Alkohol konnte man günstig einkaufen, und zu Tausenden kamen die Tagesgäste mit den Ausflugsschiffen auf die Insel. Ich gehörte zu den Saison-Kräften, die ihnen das Zeug andrehten. Es war kein sonderlich ruhmreiches Kapitel meiner Autobiographie (doch das ist eine andere Geschichte), aber ich war jung und brauchte das Geld.

In dieser Zeit habe ich viel gelernt, vor allem über das Leben auf einer Insel. Wie wenig sie das Paradies ist, nachdem wir Festlandratten uns sehnen, wenn wir uns Robinson zu sein wünschen. Nix Einsamkeit, nix Abgeschiedenheit. Auf Helgoland kennt jeder jeden. Jeder zweite verdient an den Tagesgästen, als Kapitän, Geschäftsinhaber, Kneipier, Hotelier. Und keiner gönnt dem anderen den Erfolg (sei der noch so mickrig). Doch das kriegt man erst nach einer Weile mit, wenn man kapiert, dass all die lächelnden Kerle, die da zusammen so kumpelhaft in den typisch blau-weißen Helgoländer Trachten im Schifferklavier-Orchester musizieren, eigentlich ständig Streit miteinander haben. Einer der Musiker sagte damals zu mir: „Hier gönnt keiner dem anderen das Schwarze unter den Fingernägeln.“

Und dass ich genau diese Formulierung im Buch „Inselstolz“ wieder finde, ist noch ein Grund, warum ich diese Portraitsammlung so gern gelesen habe. Hier hat man ganz genau beobachtet. 25 Charaktere (eigentlich mehr, denn in einigen Geschichten kommen zwei Personen zu Wort) beschreibt das dreiköpfige Autorenteam um Gerhard Waldherr, bzw. sie lassen die Menschen über sich erzählen. Und die tun das mit so einer unprätentiösen Lebendigkeit, dass man das Gefühl hat, ihnen für einen Moment gegenüber zu sitzen: Da breitet der Türmer von Langeoog sein Leben vor uns aus, wir erfahren, dass er früher Stürmer im Fußballverein der Insel war und so viele Tore geschossen hat, dass man das Stadion nach ihm benannt hat. Wie stolz er darauf ist. Der Polizist auf Helgoland berichtet trocken, dass man hier keine Sackkarre stehlen könne (wo will man schon groß hin damit?), dass sich mal ein gesuchter Schwerverbrecher auf Helgoland versteckt habe (was keine kluge Idee gewesen sei), und dass der letzte Mord vor 300 Jahren begangen wurde.

Wir hören dem einzigen Watt-Postboten Deutschlands zu, eine irische Wissenschaftlerin philosophiert über Werte, und zwei Brüder erzählen über ihr Leben zwischen zwei Westküsten – sie pendeln zwischen Föhr und Kalifornien, wo sie ein eigenes Musik-Studio in Los Angeles betreiben. Wir begegnen einem Strandräuber und einem Hoteldirektor, einem Surfer und zwei Schülerinnen. Und aus all ihren Geschichten und den stillen, vielleicht einen Hauch zu düsteren Fotos von Alexander Babic lernen wir so viel über die Inseln, dass wir unbedingt mal wieder hin müssen.

Hoteldirektor, ©Ankerherz-Verlag

Robbenfluesterer, ©Ankerherz-VerlagSchuelerinnen, ©Ankerherz-VerlagInteressen-Konflikt: Auf Sylt freut sich Hotelier Nicolas Kreis, wenn sein Haus voll ist. Der Helgoländer Robbenflüsterer Rolf Blädel schätzt, dass seine Insel ruhiger wurde, und die beiden Schülerinnen Merle und Malin können auch der Sturmflut etwas abgewinnen – dann fällt der Unterricht aus (Abbildungen ©Inselstolz)

Das macht den Reiz dieses wundervollen Buches aus, es ist Storytelling at its best: Es bringt einem das Leben derer nahe, bei denen man gern Urlaub macht. Und ich weiß genau, sollte ich mal wieder Helgoland betreten, dann werde ich an den Robbenflüsterer denken, der es gut findet, dass die Insel nach dem Wegfall des Duty-Free-Geschäfts so ruhig geworden ist. So lebenswert, dass er schon längst kein Interesse mehr daran hat, aufs Festland zu reisen. „Da muss man ständig aufpassen, nicht überfahren zu werden.“ Ja, Inselstolz ist immer auch ein wenig Hinterwäldlertum.

Dann habe ich eine Idee und frage Susanne, was sie davon hält, wenn eine unserer nächsten Reisen auf eine Hochseeinsel führt, die rau ist, schroff, windig, bevölkert von eigenwilligen Charakteren? Susanne macht irgendetwas anderes und antwortet leichthin: Klingt interessant. Ich bin dabei…

Inselstolzcover, ©Ankerherz-VerlagInselstolz. Zwischen Strandkorb und Sturm, 25 Leben in der Nordsee“, Herausgeber: Uwe Bahn. Texte: Gerhard Waldherr, Kai Schächtele, David Schumacher, Stefan Kruecken. Fotos: Alexander Babic. Ankerherz Verlag, 29,90 €

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