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Aus der Wissenschaft: Warum wir reisen müssen

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Von Reisenden und Mäusen. Es ist ein alter Streit: Prägt die genetische Disposition den Menschen? Oder bestimmt die Gesellschaft – und das meint: Eltern, Familie, Lehrer, Umfeld – was aus uns wird. Zwischenzeitlich schien es, als hätten die Deterministen die besseren Argumente auf ihrer Seite. Doch im SPIEGEL vom 13. Mai war ein nur kurzes, aber sehr interessantes Interview mit Gerd Kempermann zu lesen. Der ist Sprecher des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen: Kempermann ist Hirnforscher.

Die Neurowissenschaften sind eine Forschungsrichtung, die so alt ist wie die Menschheit, die aber in den vergangenen 30 Jahren einen fundamentalen Wandel durchgemacht hat. Aus den Kopfvermessern, die einst von der Physiognomie auf die Intelligenz schließen wollten, wurden quasi Synapsenzähler, sie kartieren das Netzwerk unseres Gehirns und dessen Bedeutung für das Verhalten. Längst haben die Erkenntnisse der Neurologen zu gravierenden Änderungen unseres Bildes vom Menschen geführt, bis hin zur Behauptung, dass es keinen „freien Willen“ gebe, weil das Gehirn eines Individuums nur im Rahmen seiner Möglichkeiten agieren kann. Anders gesagt: Wir sind was uns unsere Gene sein lassen.

Gerd Kempermann hat uns mit seiner Forschung vielleicht etwas mehr Eigenverantwortlichkeit zurück gegeben. Der Wissenschaftler und sein Team haben rund 40 Mäuse mit identischen Erbanlagen aufgezogen und dann in einem großen Käfig ausgesetzt (mehr über das Experiment: hier). Drei Monate beobachtete man das Verhalten der Tiere, man identifizierte „Heimchen“, die nie so richtig vor die Tür gingen, und Extrovertierte, die durch das ganze, immerhin fünf Quadratmeter messende Gehege stromerten. Und am Ende zeigte sich, je neugieriger und wanderlustiger eine Maus war, desto mehr neue Synapsen – so heißen die Verknüpfungspunkte zwischen den Nervenzellen – waren in ihrem Hippocampus entstanden.

Das in seinem Aussehen einem Seepferdchen gleichende, und deshalb dessen lateinischen Namen tragende Areal im Gehirn, gilt als Steuerzentrale unseres Selbst. Es beeinflusst Lernprozesse und Erinnerungen, es prägt unser Bewusstsein. Der Hippocampus gilt als wichtigster Teil des Gehirns.

Fernsehturm2_pushresetKempermann fasst die Beobachtungen seines Team so zusammen: „Wer sich viel bewegt, kann auch viel erleben. Das Gehirn eines aktiven Individuums produziert gleichsam im Voraus Nervenzellen, um die vielen Erfahrungen verarbeiten zu können.“ Auf den Punkt gebracht: „Die aktive Maus hat deutlich mehr Nervenzellen im Hippocampus gebildet. Deshalb verhält sie sich für den Rest ihres Lebens anders.“

Sicherlich lassen sich diese Erkenntnisse nicht einfach auf den Menschen übertragen, eine Maus ist eine Maus ist eine Maus. Und doch bestätigt die Wissenschaft, welchen Einfluss Neugier, Mut und Reiselust auf das Individuum haben. Es verändert das Gehirn. Wir müssen mehr reisen.

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