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Warum wir reisen

Susanne_BodnathIch erinnere mich noch gut, wie ich mich am ersten Tag nach meinem Studium gefühlt habe: Ich wachte auf und fühlte mich frei. Ich blieb lange im Bett liegen und schaute den Blättern zu, wie sie langsam von den Bäumen segelten, und das tat ich vor allem, weil ich Zeit dazu hatte. So vieles schien möglich.

Doch dann kam der erste Job und damit der Berufsalltag. Bei sechs Wochen Jahresurlaub schwand es recht schnell, das Gefühl, frei zu sein. Und im Laufe der Jahre musste ich viele Vorhaben aufschieben. Doch die Träume von damals verschaffen sich mittlerweile immer lauter Gehör, quasi als schlechtes Gewissen: “Wolltest du nicht schon längst..?” “Warum hast du eigentlich noch nicht…?” Und irgendwann konnte ich selbst meine Antworten nicht mehr hören: Ja, stimmt… Oder: Kam nicht dazu. Und, kleinlaut: Später, vielleicht.

Im letzten Jahr habe ich meiner Zauderhaftigkeit eine Abfuhr erteilt, habe ein Sabbatical beantragt und bekam es genehmigt. Fünf Monate ohne Büro, fünf Monate Eigensinn. Ich hatte mir viel vorgenommen für diese 153 Tage, bin mit Dirk in den Himalaya gereist, habe Abgeschiedenheit erlebt und die Hitze Portugals gespürt, ich bin ins ewige Eis der Antarktis gefahren, habe Wale gesehen und bin vor dem australischen Kangaroo Island mit Delfinen geschnorchelt. Wahnsinnig viel hat mir diese Zeit geschenkt – Glück, Dankbarkeit und die Sehnsucht nach mehr. In diesem Blog erzählen Dirk und ich über Reisen, die sich anfühlen, als hätte man die Auszeit-Taste betätigt.

Das Foto zeigt mich neben einer Gebetsmühle beim Stupa in Kathmandus Stadtteil Bodnath, es ist einer der größten buddhistischen Tempel seiner Art. Zum Sonnenuntergang umrunden Hunderte von Gläubigen das Bauwerk,  immer im Uhrzeigersinn. Kurz nach der Kora fiel im Stadtteil der Strom aus, und über dem weißen Tempel zeigte sich der schönste Sternenhimmel

Dirk_Lumbini_Rikscha„Du hast doch ein Super-Leben, warum willst du das eigentlich ändern?“ fragte mein Vater und stippte ein Stück Brot in das Gelb seines Frühstückeis. Solche oder ähnliche Fragen höre ich in letzter öfter, Tenor: Warum ist man als Redakteur eines Reisemagazins mit seinem Leben eigentlich unzufrieden? Dahinter steckt die romantische Vorstellung, dass man als ein solcher die ganze Zeit unterwegs ist, ständig in Flugzeugen sitzt, durch fremde Länder fährt, in tollen Hotels schläft – der Berufsalltag als eine Art Dauerurlaub. Doch das Gegenteil stimmt. In der Redaktion sind wir dafür zuständig, Reiseziele zu analysieren, Teams aus Autoren und Fotografen hinaus in die Welt zu schicken, die berichten dann, wir präzisieren ihre Texte und betexten ihre Bilder, wir machen die Zeitschrift und sorgen für die gleichbleibende Qualität des Produkts. Mit journalistischer Romantik hat das nichts zu tun, wir verwalten Reiseträume.

Doch so viel Spaß dieser Job auch machte, so sehr man sich anpassen kann, an die Erfordernisse einer modernen Bürotätigkeit, irgendwann wurde sie einfach zu groß – die Sehnsucht nach den Ur-Erlebnissen des Reisens. Etwa danach, so lange unterwegs zu sein, bis sich etwas einstellt, was heute kaum noch jemand kennt, und was man einst Langeweile nannte. So intensiv die Welt zu spüren, dass man sich wieder am eigenen Leben erfreuen kann. Und so viel neues zu erfahren, dass es frei von den Meinungen anderer gelingt, den Standort zu bestimmen. Schnell wurde mir klar, dafür reicht es nicht, mit dem Rennrad über die Alpen zu fahren oder mit dem Rucksack in Grönland zu wandern. Dafür braucht es mehr. Und deshalb habe ich nach unserem Sabbatical die „More“-Taste gedrückt.

Auf dem Foto sitze ich am Lenker einer Rikscha, mit der Besucher durch Lumbini gefahren werden. Mein Fahrer ließ mich erst nach langem Zaudern auf den Sattel. Und ich bestätigte seine Vorbehalte. Das Dreirad hatte einen so starken Rechtsdrall, dass ich es beinahe gegen eine Backsteinwand gefahren hätte 

 

Feuerwerk_pushresetHinweis: Die Recherchereisen für diesen Blog wurden zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien, Reedereien und/oder PR- bzw. Tourismus-Agenturen. Kontakt: pushandreset@gmail.com

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