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Australien: Yoga by the Sea in Bondi, Aborigine-Art in Redfern und die Sache mit den Haien

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Berühmter Rockpool: Bondis „Icebergs“ ist ein Fitness-Club mit Schwimmbecken

Ein Reisebericht von Susanne Baade und Dirk Lehmann

Erst wenn man wieder ganz selbstverständlich Zeit am Meer verbringt, fällt einem auf, wie sehr man es vermisst. Wie gut es tut, diese Luft einzuatmen, in die Weite zu blicken, und die Gelassenheit zu erleben, die an der See aus irgendeinem Grund sofort von einem Besitz ergreift – völlig egal, ob man es eigentlich nicht mag, feinen Sand zwischen den Zähnen und den Zehen zu haben, und dass es einen nervt, wenn die Brille von der Gischt immer trüb ist.

Wir haben eine Stunde „Yoga by the Sea“ gebucht. Wir dachten, was eine nett-verrückte Idee, zum Frühsport ans Meer zu fahren. Und wir haben, ehrlichgesagterweise, ein wenig damit gerechnet, die einzigen zu sein, die das tun. Doch weit gefehlt. Rund 30 Frauen und fünf Kerle liegen jetzt am Rand des berühmten Pool-Clubs „Iceberg“. Und sollten wir erwartet haben, die einzigen Deutschen zu sein, Pustekuchen, außer uns tun noch sechs andere Sauerkraut-Yogisten wie uns Lehrerin Sasha geheißen hat: Wir liegen ganz ruhig da, wir fühlen den Boden unter unseren Schultern, Hüften und Fersen, wir atmen bewusst und sind ganz da im Hier und Jetzt.

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Auch bei deutschen Fans des menschlichen Verbiegens sehr beliebt: Yoga am Meer

Es ist eine schöne, wenn auch nicht besonders herausfordernde Stunde. Die Location ist toll. Ich hätte nie gedacht, dass ich das Zeug zum Yoga-Reisenden habe. Doch plötzlich finde ich die Idee ganz reizvoll, zu erkunden wie es wohl ist, sich an verschiedenen Orten der Welt zu verbiegen. Susanne hätte bestimmt auch Lust, und noch während ich mir vorstelle, als reisendes Yoga-Paar unterwegs zu sein, geht es in die nächste Übung. Und, Zack, habe ich wieder nicht richtig aufgepasst, Sasha hilft mir in die gedrehte Sitzhaltung. Während die meisten anderen schon das rechte Bein um das linke geknotet und den Oberkörper weit nach links verdreht hatten, war ich noch mit dem Sortieren meiner Gliedmaßen beschäftigt. Yoga-Girl Susanne arbeitet mal wieder vorbildlich.

Nach dem Kurs sprechen wir mit Sasha, die uns mit ein paar deutschen Sprachbrocken überrascht, ihr Großvater ist aus Bayern, und sie sagt, dass sie besonders viele deutsche Gäste habe, nach den Australiern seien die die zweitgrößte Gruppe. Wir springen noch in den Pool, bevor wir uns auf eine kleine Erkundungstour durch Bondi begeben. Sydney_Bondi_Strandpromenade.jpgSydney_Bondi_Skater.jpg
Bondi ist ganz auf das Meer ausgerichtet und auf die Lust an der Selbstdarstellung: Street-Art an der Promenade, Skate-Parcour am Strand 

Der Stadtteil ist quasi das Synonym für den Surf-Lifestyle Sydneys. Hier gehört es zum guten Ton, mit einem Board unter dem Arm über die Straße zu gehen. Und wer nicht riesige, tiefsitzende bunte Bade-Bermudas trägt unter der glattrasierten Brust oder sich ein grelles Tuch um die Hüfte gebunden hat unterhalb des knappen Bikini-Oberteils, der wird hier fast schon schräg angeguckt. Oder bestenfalls ignoriert.

Am meisten fotografiert wird aber ein Kerl mit fetter Sonnenbrille, Schirmmütze und langärmeligem Schwimm-Shirt. Es bilden sich richtiggehende Mädchen-Trauben um ihn und seinen jüngeren Kollegen, die Mädels kreischen begeistert, wenn sich der Rettungsschwimmer mit ihnen fotografieren lässt. Wir fragen, warum? Jennifer Miller, die sich selbst als die Blondine im Duo Honey-and-Ginger bezeichnet, zwei Frauen betreiben die Website, die besondere Angebote (neudeutsch: deals) im Stadtteil anbietet, weiß die Antwort. Jenn führt uns heute durch ihren Stadtteil Bondi und erzählt: Der braun gebrannte, muskulöse Kerl sei einer der Lifeguards am Strand, und seit es im Fernsehen die Reality-Soap „Bondi Rescue“ gebe über die Arbeit der Retter, sind die Stars. Ob wir uns auch mit ihm fotografieren lassen wollen? Susanne sagt sofort ja.

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Rettungsschwimmer als Foto-Motiv, ein local Business-Girl als Guide: Jennifer Miller von Hony & Ginger

Aber wir wollen kein Autogramm aufs T-Shirt sondern etwas über die Arbeit der Lebensretter erfahren. Wir lernen, dass es in der Bucht starke Strömungen gibt, dass sie immer wieder Leute mit einem Herzschlag aus dem Wasser ziehen, erst gestern, 45 Minuten haben sie versucht, den Mann zu reanimieren, vergeblich, und dass sich durchaus mal Haie hierher verirren. Erst kürzlich habe er einen Großen Weißen gesehen.

Und sofort alle Badegäste an Land gepfiffen? Nein, die Haie sind nicht an uns Menschen interessiert. Aber in West-Australien mache man doch gerade die gegenteilige Erfahrung, da hat es allein in 2012 so viele tödliche Hai-Attacken gegeben wie in den gesamten zehn Jahren zuvor. Doch die beiden Lebensretter winken ab. Dumme Zufälle. Die Haie wollen nichts von uns Menschen, sie verwechseln uns mit ihrem Futter. Man stirbt dann an den Folgen der schlimmen Verletzungen. Hier passen sie auf und patrouillieren immer mit einem Boot vor der Bucht, das hält die Haie ab. Und als der Life-Saver anfängt zu erzählen, wie er seine Frau kennen gelernt hat („on the beach“) und wie er ihr im Helikopter einen Antrag gemacht hat, verabschieden wir uns.

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Million-Dollar-View: Der Wert dieser Villa im Norden Bondis – sechs Millionen 

Eine vierspurige, eher ruhige Straße, auf der einen Seite gesäumt von Cafés, auf der anderen eine Wiese, Strand, dahinter das Meer. Das ist die Vorderseite von Bondi. Interessant ist die Rückseite des Stadtteils, wo es enge Gassen gibt mit alteingesessenen Geschäften, bedrängt von trendy Bars und Restaurants. Doch inzwischen geraten auch die unter Druck, große Immobilienprojekte entstehen in Bondi, direkt am Strand entsteht ein überdimensionaler Apartmentblock, eine Wohnung mit Meerblick kostet hier 1,5 Millionen Dollar. In einer Nebenstraße zwischen Bondi und Bronte besichtigen wir die Baustelle einer Villa mit Pool und City-Blick, ein atemberaubender Bau, gradlinige Architektur, große Räume, zum Hafen hin voll verglast, noch aussichtsreicher ist die Dachterrasse. Auf die Frage, was die Villa kostet, antwortet der Bauleiter: 6 Millionen. Der Stadtteil, der einst sexy und cool war, ist heute sexy und teuer.

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Mann mit Mission und Disziplin: Fotograf Eugene Tan hat aus einer Bild-Idee ein Geschäftsmodell gemacht, er fotografiert jeden morgen den Strand von Bondi 

Den Fotografen Eugene Tan interessiert dieser Aspekt überhaupt nicht. Er geht jeden Morgen um 5.30 an den Strand und fotografiert. Seit Jahren fängt er die unbestrittene Schönheit von Bondi ein. Vor zwei Jahren ist ein Bildband mit seinen Fotos erschienen, „Aquabumps“ ist ein Weltbestseller. Eugene betreibt inzwischen sogar eine kleine Galerie, in der zwei Mitarbeiter nichts anderes tun, als seine Bücher und Fotos zu verkaufen. Selbst ein kleiner Print kostet 60 Dollar. Mit Rahmen 100 Dollar. Das Geschäft läuft gut. Der Spaziergang mit Jenn zeigt uns die ganze Vielfalt des Surfer-Paradieses, das die Wohlhabenden anzieht, die dann aber für ihre Lebensweise von den Bondi Hipsters auf Youtube verarscht werden.

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Hingucker: Der Holden aus dem Jahr 1964 ist der Star von „My Sydney-Detour“

Nach einem kurzen Snack treffen wir Richard Graham. Er holt uns mit seinem Auto ab, mit einem metallic-grünen Holden, Baujahr 1963. Wir haben bei ihm eine Tour durch das andere Sydney gebucht, My Sydney-Detour – es ist ein geplanter Umweg. Richard will uns Stadtteile zeigen, die man an Bord eines Hop-On-Hop-Off-Busses nie zu sehen bekommt. Und dass er für den Ausflug einen alten Wagen verwendet, hat einen Grund: „Wer in diesem Auto sitzt“, so Richards Behauptung, „wird als Australier gesehen, nicht als Tourist. Denn der Holden ist das letzte Auto, das komplett in Australien hergestellt wurde.“ Inzwischen gehört die Marke wie Opel in das GM-Imperium. Wir steigen ein. Kein Navigationsgerät, keine Klimaanlage, nicht einmal Kopfstützen. Richard dreht den Zündschlüssel, mit einem seltsam metallisch rauen Sound erwacht der fast 50 Jahre alte 6-Zylinder-Reihenmotor. Und bevor er eine Fahrstufe einlegt, bekennt unser Guide: „Ich hasse Bondi.“

Vorbei am Centenniel Park, dem zweitgrößten Stadtgarten der Welt, kommen wir nach Redfern. Noch vor 10 Jahren hätte sich kein Tourist hierher getraut. Redfern war die Problemzone im noch vom Olympia-Glanz überstrahlten Antlitz Sydneys, der Stadtteil der Aborigines und Immigranten, der Drogen und Kriminalität. Hier kam es zu Aufständen und Straßenschlachten mit der Polizei, die heute nur die „riots“ genannt werden. Damals hat Richard hier ein Haus gekauft, 150.000 Dollar bezahlte der dafür. Heute ist es mehr als 400.000 wert.

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Redfern: Hinter der Brücke beginnt der wohl schwierigste Stadtteil Sydneys. Richard sammelt Kunst von Malern aus dem Viertel, in dem die wahren Hipster auf Schuhe verzichten. Im „Cafe Ella“ werden nur Öko-Lebensmittel serviert, die selbst gebackenen Bagel sind sehr lecker

Das Auto parkt in der Abercombie Street, die quasi die Hauptstraße Redferns ist. Und schon während des Einparkens und Sachenzusammenraffens bleiben immer wieder Leute stehen, grüßen unseren Guide, sprechen mit ihm. Über andere hat Richard kurze Geschichten zu erzählen, dass etwa der dicke alte Mann mit dem Hund einst Meister im Schwergewichtsboxen war, einer der ersten Aborigines, und dass der durchgeknallte Radler da vorn ein Künstler sei. Wir sitzen im kleinen Café „Ella“, in dem nur organic food serviert wird, und beobachten das Treiben auf der schmalen, von eher niedrigen und dunklen Häusern gesäumten Straße. Ein paar junge Redfern-Hippys tänzeln vorbei, sie tragen weite Träger-Shirts oder Hemden, Jeans mit Schlag und lange bunte Kleider. Und sie gehen barfuß.

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Eine Reise zu besseren Kreisen: Friedhof mit Weitblick, Auto für den Rückblick, Spieler mit gutem Blick und eine Villa für den ultimativen Sydney-Blick

Einen halben Tag sind wir mit Richard unterwegs. Er zeigt uns die Kunst, die er sammelt, hochpolitische Arbeiten von Aborigines-Künstlern aus seinem Stadtteil, gegen die alles andere, was wir bisher gesehen haben wie saubere Handelsware wirkt. Und er zeigt uns Redfern, in dem rund die Hälfte der Einwohner nicht in Australien geboren wurde, 40 Prozent zu Hause nicht Englisch sprechen und mehr als 30 Prozent bei der letzten Volkszählung angaben, keiner Religion anzugehören. Viel Geld wurde investiert, um Redfern lebenswerter zu machen, man hat Straßen saniert, Hausfassaden herausgeputzt, Parks angelegt. Und auch wenn die city-nahe Lage immer mehr junge Leute mit gutem Einkommen anzieht, bleibt es doch eine einfache Wohngegend. Richard sagt: „Hier wohnen echte Menschen.“

Um uns die Unterschiede zu verdeutlichen, cruisen wir durch die bürgerliche Vorstadt Rendwick und durch begehrte Stadtteile wie Dover Hights, Vaucluse und Rose Bay. Wir besichtigen den Waverly Cemetry, den Friedhof mit dem wohl besten Ausblick der Welt, und den Clovelly Bowling Club, auf dessen kurz geschorenem Rasen man eine australische Variante von Boule spielt, und dabei einen ebenso spektakulären Bllick auf die Tasmanische See hat wie vom Friedhof. Allerdings ist das der falsche Blick. Die nicht ganz zu Unrecht in ihre eigene Stadt verliebten Sydneysider wollen vor allem die Skyline sehen: den 305 Meter hohen Sydney Tower, die 130 Meter hohe Harbour Bridge, die Oper.

Langsam, so Richard, nähern wir uns dem Zentrum des Geldes: Wir fahren erst durch die Neighbourhood der 5-bis-10-Millionen-Dollar-Häuser, dann in die der 20-Millionen-Häuser. Es sind herrschaftliche Anwesen, die eine sich an der Küste entlang windende Straße säumen, den Blick auf traumschöne Strände wie den der Hermit-Bay, der Einsiedler-Bucht. Es sind mondände Anwesen, mit parkartigen Gärten, Pool und unverbaubarem Meerblick. Für einen Moment sitzen wir an einem der Strände blicken auf die Stadt und haben das Gefühl, ihr an diesem Tag sehr nah gekommen zu sein. Immer mehr erfüllt auch diese Reise ihren Zweck in unserem Sabbatical: Wir wollten Schicht um Schicht der Stadt freilegen, sie besser verstehen, offen sein, neugierig bleiben. Die Auszeit als Ausgrabung. Eine langsame Annäherung.

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Nicht für Einsiedler, sondern für Eingeweihte: die versteckte Hermit-Bay

Am frühen Abend setzt uns Richard am Hotel ab. Wir wohnen im „Park 8“, einem so genannten Boutique-Hotel zwischen Innenstadt und Hyde-Park. Ein einfaches, aber freundliches Haus. Unser Zimmer geht über zwei Etagen, unten hat es einen kleinen Wohnraum mit Sofa und Kochzeile, oben ein Schlafzimmer und ein Bad. Das Frühstück wird nicht in einem Raum serviert, man kann sich Kaffee, Saft und ein Croissant aufs Zimmer bringen lassen. Wir verabschieden uns von Richard und sehen aus der fünften Etage noch zu, wie sich sein metallic-grüner Oldtimer in den Straßenverkehr einfädelt. Viele Menschen bleiben stehen und sehen dem Holden nach.

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Lehrreicher Umweg: Richard und sein fast 50 Jahre alter Holden. Das „Park 8“, unser Hotel in der Castlereagh-Street, liegt mitten in der City 

 

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