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Kreuzfahrt in die Antarktis – Abschied vom Ewigen Eis, Sturm vor Kap Hoorn und letzter Halt in Ushuaia

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Eislandschaft in XXL:  Rotjacken in weißer Weite, Pinguine und der Staub des Gletschers

Ein Reisebericht von Susanne Baade und Dirk Lehmann

Es klingt, als würde ein Stück von der Welt abbrechen. Es beginnt mit einem tiefen Grollen, das übergeht in ein helles Reißen. Und dann plötzlich zur Ruhe kommt. Wer sich je die Frage gestellt hat, wie sich das wohl anhören mag – eine unheilvolle Stille, der muss zu einem Gletscher reisen, der sich ins Meer schiebt. Man wartet auf den Knall. Doch der bleibt aus.

Wir stehen auf einem Schneefeld in Neko Harbour, das sich in einem weichen Bogen über einen Hügel legt, die Oberfläche ist glatt als wäre sie frisch asphaltiert, und sehen dem Gletscher beim Kalben zu. Besser gesagt, wir versuchen dabei zuzusehen. Ein erneut unfassbar schöner Tag, die Sonne scheint, die Luft ist so klar, dass es keine Distanzen gibt, alles wirkt greifbar nah – wie die Bremen in dem von weißen Eisbrocken gesprenkelten tintenschwarzen Wasser liegt. Wie die weißen Wolken an den strahlend weißen Schneebergen hängen, die einige Kilometer entfernt und mehr als 1000 Meter hoch die Bucht begrenzen. Wie der Gletscher, ein Wall aus grün-blau schimmernden Eisquadern, auf das Wasser zurollt. Eine Welt scheinbar ohne Distanzen. Doch erst wenn man sich aufmacht, diese überwinden zu wollen, stellt man fest wie weit entfernt alles.
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Vielleicht eine der schönsten Anlandungen der Reise: Ein Zodiac bringt uns nach Neko Harbour, den Gästen macht Dirk heute den Stefan und zeigt die Rückfahrtzeit an

Selbstverständlich verhält sich der Gletscher wie die Grizzlys in Kanada und kalbt krachend immer in genau dem Moment, in dem man woanders hinsieht. Was man dann noch erkennt, ist der Eisstaub, der für einige Sekunden über der Stelle schwebt wie der Qualm über einer Explosion. Und man erlebt den Tsunami, der durch die Bucht rollt. Eine der Wellen war mehr als ein Meter hoch, sie baute sich aus dem Nichts auf und fuhr über das bis dahin ruhige Wasser. Gewarnt von einem Aussichtsposten nahe dem Gletscher, baute am Ufer das Expeditionsteam schnell alles ab und brachte sich in Sicherheit, das nächste Zodiac durfte erst anlegen, als das Meer wieder ruhig da lag. Und an der Größe der Welle erkennt man, wie viel Eis abgebrochen sein muss. Was von oben wie ein kleines Stück wirkte, hat in Wahrheit die Dimension eines Berliner Mietshauses.

Wir fragen uns, was für ein Gefühl es sein muss, sich an so einem Tag an so einem Ort aufzumachen, den Kontinent zu erkunden, der sich hinter diesen weißen Hügeln auftut, die mit jedem Schritt größer und ferner werden. Die Sonne brennt auf uns nieder, wir ziehen die dicken Parka aus und öffnen die Fleece-Jacke. Und machen sie schnell wieder zu, als ein Windstoß die Kälte der Antarktis herüberweht.

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Stürzende Eisbauten: Den besten Blick auf den kalbenden Gletscher hat man vom Ende dieser Rampe

Heute nehmen wir Abschied. Zum letzten Mal stehen wir auf dem kältesten Kontinent der Erde. Die Bremen lichtet Anker. Wir sitzen an Deck in der warmen Sonne. Bis Kapitän Behrend die Fahrt durch den Erera-Kanal ankündigt. Auch der ist eigentlich kein Kanal, eher eine Passage zwischen Küste und vorgelagerter Insel. Auf der Seekarte heißt es zu einigen Abschnitten, sie seien noch nicht erkundet.

Wir stehen auf der Brücke. Und erleben die Kommando-Zentrale anders als so oft. Meist herrscht hier moderne Kreuzfahrtatmosphäre. Das soll nicht abwertend klingen, es beschreibt eine High-Tech-Arbeitssituation: Die Offiziere überprüfen die Computer-Systeme, die die Bremen über das Meer steuern, und haben immer ein offenes Ohr für die Passagiere. Selbst als das Schiff durch den Sturm stampfte, konnte man hier sein, und es wurde einem erklärt, dass man unter solchen Bedingungen den Kurs immer wieder korrigieren muss, denn geradeaus ist nur scheinbar geradeaus – zeichnet man die Fahrt mit einem Stift nach, malt man keinen geraden Strich sondern eine Zickzacklinie.

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Wink mit dem Stummelflügel: unser letztes Pinguin-Portrait

Im Errera-Kanal gibt es keinen Spielraum für Zickzack-Linien. Beim Blick von der Brücke scheint es, als könne man geradeaus fahren. Doch eine Untiefe macht den direkten Weg unpassierbar. Das Schiff muss um die Danco-Insel herumgezirkelt werden und kommt dabei den bis zu 1000 Meter hohen Felsen des Festlands recht nah. Weil zudem die Strömung stark ist, kann man die Konzentration richtiggehend fühlen. Knappe Kommandos werden gerufen, Kursangaben gemacht, immer wieder der Blick auf die Seekarte, den Tiefenmesser, das GPS-System. Aber man hat auch den Eindruck, dass die Seemänner diese Momente schätzen, sie sind gefordert, sie zeigen ihr Können.

Die Sonne scheint, das Wasser glitzert, Pinguine überholen mit großem Tempo durch das klare Wasser rasend das Schiff. Wir passieren Gletscher und Berge, die so hoch verschneit sind, dass man ihre eigentliche Gestalt nicht mehr erkennen kann, Täler aufgefüllt mit Schnee und Eis-Inseln, die sich erst bei genauerer Untersuchung als Inselgruppe herausstellen. So erkannte die Besatzung der Bremen vor einiger Zeit, dass die von Schnee bedeckte Landmasse voraus nicht eine große Insel ist sondern zwei. Zu Ehren dieser – zugegeben: unser Bild von der Welt nicht wahrhaft ändernden – Entdeckung heißt die neue Landmasse nun Bremen-Island. Und kann von uns nicht besichtigt werden: Große Eisberge versperren den Weg.

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Volle Konzentration: Langsame Fahrt durch den Errera-Kanal, bis zu 1000 Meter hoch sind die Berge, die Untiefen im Wasser können einem Schiff leicht zum Verhängnis werden

Als das Schiff am frühen Nachmittag die letzten Inseln hinter sich lässt, die der Antarktis vorgelagert sind, hören wir noch für einige Stunden wie kleinere Eisbrocken gegen den Rumpf rascheln und rumpeln. Dann sind da nur noch die Wellen und die Gischt, und die Bremen stampft durch die Drake-Passage, die uns kaum mehr Seegang in den Weg stellt als die Ostsee bei einer Fährfahrt nach Dänemark.

Auch im Restaurant heißt es Abschied nehmen. Das Küchenteam hat noch einmal alles gegeben. Und die Service-Mannschaft, die sich um Tisch 42 kümmert, bringt Gang um Gang. Wir sind schon ein wenig in Resümee-Stimmung. Die Berlinerin Silke, die sich in Ushuaia von ihrem Mann Gero verabschieden wird, er fliegt nach Hause, und sie wird drei Monate allein weiter reisen, sagt, es wäre eine großartige Reise gewesen, nur die beiden stürmischen Seetage hätte sie nicht gebraucht. Der Wiener Christian, der sich Elektriker nennt, aber Inhaber eines Unternehmens ist, hält es knapp: „Es war der Wahnsinn.“ Die Schweizer Hoteldirektoren Grit und Yves, für die die Fahrt mit der Bremen eine von vielen Kreuzfahrten war, die sie bisher unternommen haben, wünschen sich einen besseren Fitness-Raum, sind vom Essen beeindruckt und fanden sogar die Tischgesellschaft nett. Bettina, die Ärztin aus Ottobeuren, sagt, all ihre Erwartungen seien übertroffen worden.

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Abschiedsszenen: Tisch 42 mit (v.l.n.r.) Susanne, Silke, Gero, Christian, Grit, Yves und Bettina. Wunderkerzen beenden die Gesangseinlagen der Mannschaft. Kap Hoorn zeigt sich unzugänglich. Ushuaia liegt hinter dem Sonnenfleck auf dem Beagle Kanal. Die Bremen an der Pier der argentinischen Stadt, wo wir von Bord gehen

Dass am letzten Morgen die Anlandung in Kap Hoorn nicht klappt, weil der Wind zu stark bläst, stört niemanden. Der Felsen, an dem rund 800 Schiffe zerschellt sind und ca. 10.000 Matrosen mit in die Tiefe zogen, ist für Kreuzfahrtgäste wie uns ohnehin eher Folklore. Wir empfinden zwar Respekt, nicht aber diese Verbundenheit, die Kapitän Behrend am Abschiedsabend in bewegenden Worten zum Ausdruck brachte, kurz nach dem alle Lieder gesungen und die Seekarte versteigert worden war. Und deswegen nehmen es viele Gäste leichten Herzens hin, dass wir das Kap nur aus der Ferne sehen. Es hat so viele großartige Momente gegeben während dieser Reise, da ist es nicht schlimm, dass eine Cocktailkirsche fehlt auf der üppigen Torte.

Geschlossen geht Tisch 42 am letzten Abend noch in einen Pub, der sich „irish“ nennt, aber sowas von argentinisch ist, dass es einfach nur Spaß macht. Auch einige Crew-Mitglieder kommen vorbei, Expeditionsleiter Stefan, Koch Tobias, Hoteldirektor Stefan, Kellnerin Tina. Und auch das ist etwas, was wir in den letzten Tagen gemocht haben, die Atmosphäre an Bord, die nie steif war. Wir trinken „local beer“ und schaffen es geradeeben, nicht abzustürzen.

Bevor wir am frühen Morgen die Gangway heruntergehen, die wir doch gerade eben erst in Montevideo herauf gekommen sind, verabschieden wir uns noch vom Kapitän und seiner Mannschaft, die uns viele besondere Momente beschert haben. Wir sind tapfer. Alles geht vorbei. Und es muss enden, damit neues beginnen kann. Dennoch: Danke. Wir werden noch lange von dieser Reise zehren.

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Kreuzfahrtschiff in Größe S: Wie ein Modellboot liegt die Bremen in Neko Harbour

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