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Kreuzfahrt in die Antarktis – Eis-Paradies, Pinguin-Zähler und die „Kodak-Falle“

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Farbenspiel: Weiß und blau ist das Eis, schwarz der Fels – und „Brown“ heißt die argentinische Station mit den roten Holzhäusern

Ein Reisebericht von Susanne Baade und Dirk Lehmann

Einst waren die Wal- und Robbenjäger die einzigen Bewohner der Antarktis, heute sind es die Wissenschaftler und ihre Helfer. Etwa 80 Forschungsstationen gibt es hier. Rund die Hälfte werden ganzjährig betrieben, die anderen sind nur im Sommer geöffnet. Vielfach, so erfährt man, steht vor allem meteorologische oder geologische Forschung im Vordergrund, es werden Seevögel oder Pinguine untersucht. Und angesichts der vielen Pinguin-Zähler kann man annehmen, dass der Kenntnisstand über die Tiere phänomenal sein dürfte.

28 Staaten betreiben eine oder gleich mehrere Stationen auf dem sechsten Kontinent. Manche, so sagen Kritiker, haben mit Forschung nichts zu tun sondern dienen bloß dazu, Gebietsansprüche zu demonstrieren. Tatsächlich war und ist die Antarktis Schauplatz so mancher diplomatischer Verwicklung, so wurde der Kalte Krieg auch hier fortgeführt, Amerikaner und Russen versuchten sich mit Stützpunkten zu übertrumpfen. Und das Gedankengut lebt fort: Nachdem Indien eine Station eingeweiht hatte, ließ nur wenig später auch Pakistan die Eröffnung einer eigenen Basis verkünden. Kaum waren die Chinesen präsent, hissten auch die Südkoreaner hier ihre Flagge.

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Rodelbahn: Nur wenige Gäste trauen sich, auf dem Hosenboden die steile Rampe runterzurutschen

Die neueste und bis dato anspruchvollste Einrichtung betreibt das deutsche Alfred-Wegener-Institut, 25 Jahre kann in der 2009 eröffneten, auf Stelzen errichteten Konstruktion geforscht werden. Danach lässt sich Neumayer III rückstandsfrei abbauen, das ist auch ein statement, ein umweltpolitisches. Eigentlich sollte der Umweltschutz hier eine Selbstverständlichkeit sein. Weit gefehlt. Zwar prangern Forscher immer wieder den größer werdenden Einfluss des Tourismus auf die Antarktis an. Dabei sind die Eingriffe im Namen der Wissenschaft oft viel größer. Greenpeace etwa hat in den 1980er und 1990er Jahren nachgewiesen, dass von der Antarktis-Station der USA Umweltverschmutzungen in erheblichem Ausmaß ausgegangen sind. Und als Ende Februar 2012 die brasilianische Station Commandante Ferraz – sie diente angeblich der Forschung, wurde aber von der Marine betrieben – völlig niederbrannte, waren auch die Folgen für die Umwelt enorm.

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Weiße Pracht: die Bremen im hoch verschneiten Naturhafen der Paradise Bay

Und doch werden wohl weitere Stationen entstehen, selbstverständlich – wie es der Antarktis-Vertrag vorschreibt – nur zur Forschung. Nach wie vor gehört die größte Anlage den USA, McMurdo bietet Platz für rund 1100 Menschen. Einen besonderen Rekord hält die russische Station Wostok, hier wurde im Juli 1983 die niedrigste jemals auf der Erde gemessene Temperatur ermittelt: −89,2 Grad. Die meisten Einrichtungen südlich des 60. Breitengrade betreibt Argentinien. Eine davon steht an unserem heutigen Ziel: Base Brown.

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Besichtigungstour: „Toddo“ bringt uns im Zodiac zu Kormoranen und Wedellroben, die schnell zu den Top-Modells des Tages werden

Der einstige Marinestützpunkt liegt pittoresk in der Paradise Bay, eine weite Bucht, umgeben von bis zu 2000 Meter hohen Bergen, mächtige Gletscher schieben sich ins Meer, Eisbrocken schwimmen im Wasser. Und rumpeln gegen den Rumpf der Bremen als das Schiff am Morgen einläuft. Brown ist Schauplatz einer tragischen Geschichte: Als letztes Besatzungsmitglied arbeitete dort ein Arzt, als der erfuhr, dass sich seine Ablösung um einen Winter verschieben würde, setzte der verzweifelte Mann die Station in Brand – um seine Abholung zu erzwingen. Der offenbar der Einsamkeit müde Arzt wurde angeklagt.

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Eine der meist gestellten Fragen auf der Reise mit der Bremen: Warum sind Gletscher blau? Antwort: Im extrem klaren Eis bricht sich das Licht so, dass vor allem bestimmte Wellenlängen durchkommen – die des blauen Lichts

In der Paradies-Bucht angekommen, können wir den Arzt nicht verstehen. Dieser Ort hat fast alles an eisiger Schönheit, was die Antarktis bieten kann. Wir werden mit einem Boot an Land gebracht und stapfen durch den verharschten Schnee einen Hügel hinauf. Der Blick geht weit über meterhoch verschneite Hügelketten, an manchen Stellen ragt schwarz schroffer Fels heraus, an anderen leuchtet blau-grünes Gletschereis. Manchmal lichtet sich der Hochnebel ein wenig, und wir können die gesamte Bucht überblicken. Wir stehen jetzt auf der Antarktischen Halbinsel. Schon allein das Wissen darum, verändert die Wahrnehmung.Gestern, bei der Präsentation des heutigen Ziels, hieß es, wer sich traue, könne auf dem Hosenboden den Hügel runterrutschen. Es ist ein ruppiger Ritt, den völlig zu recht nur wenige wagen. Eine Passagierin – Gute Besserung, Petra! – verletzt sich und braucht ärztliche Hilfe. Später wird sich heraus stellen, dass sie sich mehrfach den Fuß gebrochen hat.

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Lutschprobe: Geschmacklich unterscheidet sich Gletschereis nicht von Gefrierfacheis

Im Schlauchboot machen wir eine Rundfahrt durch die Bucht. V-förmig laufen die Wellen durch das schwarz-glänzende, sich träge bewegende Wasser hinter uns her. Wir stoppen vor Gletscherabbrüchen mit ihrer typisch rechteckigen Form, es sind die abwärts- und seitwärtsdrängenden Kräfte, die das Eis zu riesigen Blöcken freilegen, die dann durch den Druck des Gletschers ins Meer gewürfelt werden. Auf einem der Abbrüche liegt eine Robbe und wird zum Fotomodell der Gäste mehrerer Boote. Bis auf Reichweite nähert sich das Zodiak einem anderen Eisblock, und wir brechen ein Zapfen ab. Vom Geschmack unterscheidet sich das vor wohl schon einigen hundert Jahren gefrorene Wasser überhaupt nicht von dem aus dem Kühlschrank. Und doch ist es etwas besonderes, weil man weiß, das man ein Stück Vergangenheit lutscht. Durch das crushed Ice im Paradise-Bay-Cocktail steuert uns Torsten – genannt „Toddo“–, der erste Zodiac-Driver, zurück zur Bremen. Wie vielen anderen Besatzungsmitgliedern, ist auch dem Hamburger immer wieder die Begeisterung anzumerken, mit der ihn sein Job erfüllt.

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Anlandung in Port Lockroy mit seinen strikt getrennten Pinguin-Kolonien: Maximal 60 Gäste dürfen hier zur selben Zeit an Land gehen

Gegen Mittag lässt die Bremen vor Port Lockroy den Anker fallen. Der von einem belgischen Entdecker benannte Ort ist Sitz einer britischen Station, die wohl die bekannteste in der Antarktis ist. Florence, eine der Mitarbeiterin, sagt dass im Sommer rund 15.000 Kreuzfahrtgäste kommen. Von Oktober bis Februar ist die Station besetzt. Die Arbeit des vierköpfigen Teams besteht darin, Pinguine zu zählen, Besucher durch das Museum zu führen und in dessen Shop Anstecknadeln, T-Shirts, Bücher und Schirmmützen zu verkaufen. Ist das nicht eine seltsame Tätigkeit für einen Wissenschaftler? Florence lacht und sagt, dass sie das gern in Kauf nimmt für das Privileg, hier sein zu dürfen.

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Station in einem Naturhafen mit belgischem Namen und britischer Flagge. Dirk spricht mit einer niederländischen Wissenschaftlerin, die hier antarktische Pinguine zählt

Was haben die bisherigen Forschungen auf Lockroy erbracht? Das Team um Florence ermittelt die Bruterfolge der Pinguine. Die Kolonie ist geteilt in zwei Gruppen, eine lebt dicht beim Museum, an dem im Sommer täglich Besucher vorbei kommen (maximal 60 dürfen in Lockroy zur gleichen Zeit an Land gehen, ungefragt lobt Florence die Bremen dafür, dass das Schiff nicht mehr als 30 Passagiere anlanden lasse). Die anderen Pinguine leben in einem abgeschiedenen Bereich, den niemand betreten dürfe. Und, verblüffend genug, die Pinguine beim Museum ziehen mehr Nachwuchs groß als die ungestört lebenden. Über die Gründe kann man nur spekulieren, wahrscheinlich sorgen die Touristen nicht nur für Stress, sie vertreiben offenbar auch die natürlichen Feinde, etwa die Raubmöwen, für die die Eier der Pinguine eine Delikatesse sind.

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Harte alte Zeiten: Zwei Weißgesicht-Schneidenschnäbel ruhen sich auf dem Hundeschlitten einer früheren Expedition aus

Zurück an Bord fällt das Dinner, das eigentlich Abend für Abend ein wenig zelebriert wird, etwas burschikoser aus. Wir haben ja nur wenig Kleidung dabei, doch zum Abendessen holen wir immer den schicksten noch nicht müffelnden Stoff aus den Rucksäcken (für uns ist es ein Glück, dass an Bord der Bremen ein entspannter Dresscode gilt). Doch heute essen wir – wie die anderen sechs Gäste an Tisch 42, mit denen wir uns prächtig verstehen – in Outdoor-Kluft. Denn gegen 21 Uhr beginnt der Höhepunkt des Tages, wir fahren in den Lemaire-Kanal.

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Spiegelglatt: Schiff und Blogger reflektieren sich im Lemaire-Kanal

Der Kanal ist keine Wasserstraße im eigentlichen Sinn, sondern eine etwa 13 Kilometer lange Meerenge, eingefasst von Gletschern und teils schroff aufragenden Felswänden. An der schmalsten Stelle hat die Durchfahrt eine Breite von kaum 500 Metern. Den Eingang zum Kanal markiert der charakteristische Doppelgipfel Kap Renard, er wurde von britischen Seeleuten in den 1950er Jahren in „Una’s Titts“ umbenannt, in eigenwilliger Anerkennung der Truppenbetreuerin Una Spivey. Ihr Name hat sich so verewigt. Von diesem Punkt aus wirkt der Kanal für manche Laien unpassierbar. Auch ich wette – gegen Susannes Rat – einen Kasten Bier, dass wir umkehren müssen.

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Zwei Doppelte, bitte: Una’s Titts und zweimal der Eispanzer eines Gletschers

Langsam tastet sich die Bremen durch das von Eisbrocken verschiedener Größe übersäte Wasser. Nur wenige hundert Meter vor dem Bug zerbricht ein großer Eisklotz und dreht sich um. Je tiefer wir hinein kommen in die natürliche Wasserstraße, die von einem deutschen Kapitän entdeckt  wurde, um so mehr scheinen Fels- und Eiswände zum Greifen nah. Tief steht die Sonne am Himmel und taucht die Szene in goldenes Licht. Erneut wurde das Vordeck freigegeben. Andächtig stehen Gäste und Crew nebeneinander, staunen, fotografieren. Und spätestens jetzt wird klar, warum der Lemaire-Kanal auch Kodak-Falle genannt wurde – man kann gar nicht genug auf den Auslöser drücken.

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Licht am anderen Ende des Kanals: Blick auf die Lemaire-Ausfahrt

Wir haben enormes Glück, das Wetter ist perfekt. Häufig, so erfahren wir, stecken Una’s Titten in Wolken. Oft genug muss der Kanal wegen Unpassierbarkeit aus dem Programm gestrichen werden. Wir kommen heute durch. Undzwar auf so besonders schöne Weise, dass es mich nur wenig ärgert, dafür eine Kiste Bier rausrücken zu müssen.

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Begeisterte Rotjacken: Auf allen Decks genießen die Gäste das Naturschauspiel

Morgen ist unser letzter Tag in der Antarktis. Danach geht es über Kap Hoorn nach Ushuaia und dann per Flugzeug über Santiago de Chile nach Australien. Da beginnt die letzte Reise unseres Sabbaticals. Kaum zu glauben, dass es schon so weit ist. Die nächste Auszeit werden wir in den Weinbergen rund um Adelaide beginnen, sie wird uns zu den Tieren auf Kangaroo Island führen und in Sydney enden, wo wir uns auf den Wiedereinstieg in die Wirklichkeit vorbereiten wollen. Und nach der Antarktis freuen wir uns ganz besonders auf den roten Kontinent – denn er ist der heißeste der Erde.

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Rückfahrt im Mitternachtrot: Gegen 0 Uhr ist das Licht der Sonne besonders schön

  1. We were with you … remember the cool swimming on Deception Island? Best, Rémy

    27. Februar 2013
    • Hallo Remy,
      wie können wir die 1 Grad Wassertemperatur jemals vergessen? Es war großartig, wenn auch ein kurzes Vergnügen…! Liebe Grüße, Susanne&Dirk

      27. Februar 2013

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