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Nepal: Trekking im Himalaya – 5. Etappe von Tashinga zum Kloster Tengboche

Höhe Tashinga: 3450 Meter • Höhe Tengboche: 3860 Meter • Distanz: ca. 4 Kilometer • Gehzeit: ca. 2,5 Stunden • Besonderheit: steiler Anstieg, sehr guter Everest-Blick, berührende Momente im Kloster, am Thamserku wandern wir bis zu den Steinmanderln auf eine Höhe von 4000 Metern

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Rehe über dem Tor zum Kloster Tengboche: Die Tiere waren Buddhas erste Zuhörer

Ein Reisebericht von Susanne Baade und Dirk Lehmann

Es ist kalt. Wenn man eine Hand flach auf den Steinboden legt, dauert es nur wenige Augenblicke, bis sich die Finger steif anfühlen. Den jungen Mann scheint das nicht zu stören. Er geht barfuß, passiert mit ruhigem aber raschem Schritt die Sitzreihen der anderen Mönche. Sein Platz befindet sich bereits in einer der mittleren Reihen, ein Beweis dafür, wie lange er schon hier lebt. Im buddhistischen Kloster von Tengboche dreht sich eigentlich alles um Zeit. Mit den Jahren nähern sich die Mönche ihrem Lama, wie der Erleuchtung. Jetzt setzt sich der Mönch im Schneidersitz auf ein rotes Kissen unterhalb der gold schimmernden Buddha-Statue, nimmt sein Werkzeug und lässt den Sand rieseln. Vorsichtig und präzise fallen die gefärbten Körner auf ein großes Holzbrett, fügen sich zusammen zu den Farbflächen und Linien eines bunten Mandalas.
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Vergänglichkeit in Farbe: Die Mönche gestalten ein Mandala aus buntem Sand

Der farbige Sand wird aus diversen Schüsseln mit einem Kupferröhrchen aufgenommen, das aussieht wie ein Joint. Mit einem Stab reibt der Mönch über die geriffelte Oberfläche des Röhrchens, die Sandkörner fallen aus der Spitze des Joints. Ritsch-ratsch-ritsch-ratsch hallt es durch das Kloster, das Geräusch nimmt dem Ort genau so wenig das Sakrale wie die kitschigen Lampen auf dem Altar oder die Donation-Box, in der die gefalteten Geldscheine vieler Reisender stecken. Für uns ist Tengboche das Ziel dieses Trekkings und einer der Höhepunkte unserer Auszeit. Das fast auf 4000 Metern gelegene Kloster bietet die wohl schönsten Blicke auf Ama Dablam, Lhotse und Mount Everest. Zudem ist es ein ganz besonderer spiritueller Ort – abgeschieden, aber nicht einsam. Kalt. Erhaben. Berührend.

Es ist nicht leicht, über Spiritualität zu schreiben. Alles, was man formuliert, liest sich wie eine aufgeblasene Binse, hat den pseudo-gewichtigen Tonfall von esoterischer Ratgeberliteratur. Denn schlussendlich hängt es von der persönlich Einstellung ab, was einem Spiritualität bedeutet. Für uns ist sie Teil des Sabbaticals – wir sind los gefahren, um unsere Wahrnehmung zu erweitern, um Gefühle zuzulassen, für die im Alltag kein Platz ist.
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Der Tag beginnt magisch: Die Sonne strahlt über die Gipfel. Die Sherpa verbrennen Wachholder-Zweige, um mit dem Rauch böse Geister abzuwehren

Am Morgen steigt Rauch auf vor der Lodge von Tashinga und verbindet sich mit dem Frühnebel, der das Tal bedeckt. Es ist ein Brauch der Sherpa, Wachholderzweige im hauseigenen Schrein zu verbrennen. Der Rauch soll die Geister beschwichtigen. Hinter den Bergen kommen die ersten Sonnenstrahlen hervor. Wir gehen durch einen kleinen Wald, überqueren eine Hängebrücke, passieren einen Kontrollposten und beginnen den langen Anstieg zum Kloster. 600 Höhenmeter sind zu überwinden. Einige Porter überholen uns, Yaks kommen uns entgegen, in einer Kurve mauern zwei Männer an einem Müllhäuschen, unter uns wird der Fluss immer kleiner. Schließlich betreten wir durch ein weißes Tor mit rotem Dach die Hochebene mit einigen Stupas, dem Kloster Tangboche und einem großartigen Blick auf den höchsten Berg der Welt.
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Kein Tag für Gipfelstürmer: Der Mount Everest mit stürmischer Wolkenfahne, rechts daneben der vierthöchste Berg der Welt – der 8516 Meter messende Lhotse

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Gebetsfahnen, ein weißes Tor mit rotem Dach, Mönche in Turnschuhen und – selbstverständlich – roten Fleecejacken: Willkommen in Tengboche

Vor dem Klostereingang stehen Mönche in roten Kutten, über denen sie rote Fieecejacken tragen. Einer nestelt sein Handy hervor. Ein anderer interessiert sich für unser Fernglas und lässt sich von Dirk zeigen, wie man es scharf stellt. Und hatte Dirk mit dem Glas den Mount Everest abgesucht, ob oben jemand steht, richtet der Mönch den Blick auf die Ama Dablam. Wie alle heiligen Berge Nepals hat auch dieser einen weiblichen Namen: „Mutter in ihrem Halstuch“. Ein weiterer Mönch kommt, blickt durch das Fernglas.

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Ihre Heiligkeit, ganz nah: Der Mönch zoomt nicht auf den Everest sondern auf den heiligen Berg Ama Dablam. Das von einer typischen Steinermauer umgebenen Kloster liegt auf 3890 Metern Höhe

Wir betreten das Klosterinnere. Noch sind wir die einzigen Besucher. An den Wänden sind Stationen des Bodhisattva-Lebens gemalt, sie schildern wie Prinz Siddharta zur Erleuchtung gelangte. Die buddhistische Lehre ist komplex, sie enthält verschiedene Buddha–Wesen, Buddhas der Vergangenheit, der Zukunft und natürlich den historischen Prinzen. Auf der Fensterbank stehen Amrita, Gefäße für das Elexier zur Befreiung. In der Mitte des Raumes thront ein großer goldener Buddha. Er lächelt gütig. Links neben ihm sitzt, ritsch-ratsch-ritsch-ratsch, der junge Mönch auf dem Boden. In gebückter Haltung lässt er den farbigen Sand die Holzplatte rieseln.

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Ruhe, Lächeln und der Glaube an den Kreislauf des Lebens: der Mönch und sein Mandala

Was damit geschieht, wenn das Sand-Mandala fertig ist, wollen wir wissen. Seit Tagen schon arbeiten mehrere Mönche abwechselnd an dem Bild. Es entsteht für die wichtigste Zeremonie des Jahres, Mani Rimdu: Die Mönche werden eine maskierten Tanz aufführen, die Dorfgemeinschaft wird gesegnet. Und nach dem Ende der Feierlichkeiten wird das Mandala vom Lama in den Wind gepustet, es soll sich mit dem Wasser des Flusses vermengen. Alles ist vergänglich.

Er hänge nicht an seiner Arbeit, sagt der Mönch, es sei der Kreislauf des Lebens. Er spricht leise, sein Englisch ist sehr gut. Die Mönche werden hier nicht nur in religiös unterrichtet, sondern auch in weltlichen Themen. Noch immer ist es üblich, dass Eltern ihre zweitgeborenen Söhne zur Ausbildung ins Kloster gaben. Nur die wenigsten bleiben da. Viele arbeiten später als Trekking-Guides.Nepal_Tengboche_Buddhafigur.jpg

Moment der Erleuchtung: Der Gautama-Buddha ruft die Erde als Zeugen an für seine Erkenntnis (rechte Hand weist auf den Boden) und hält in der linken die Amrita, in dem Gefäß befindet sich das Elixier zur Befreiung von der Unwissenheit

Die Begegnung berührt mich sehr. Ich knie auf dem Boden, höre zu und lerne, was die einzelnen Symbole des Mandalas zu bedeuten haben. Bisher habe ich mich nur mental mit dem Buddhismus auseinander gesetzt. Verkürzt dargestellt, halte ich ihn für einen Teil der göttlichen Manifestationen, er repräsentiert für mich das Nonduale. Das Duale Sein stellt sich im Christlichen Glauben dar. Hier im Kloster kann ich die Güte der Mönche fühlen, ihren Respekt vor allem Lebenden. Man könnte sagen, dieser Ort hat gute Vibes.

Wir verlassen das Kloster als immer mehr Touristen kommen und ziehen, auf den Treppenstufen hockend, unsere Schuhe wieder an. Junge Mönche sitzen neben uns auf einer Bank, lachen, necken sich, beziehen uns in ihre Scherze ein. Wir lachen mit ihnen. Und doch frage ich mich, was ich an einem solchen Ort suche? Schließlich betritt einer der älteren Mönche den kleinen Innenhof. Und plötzlich wird mir klar: Wie die meisten religiösen Menschen suche auch ich Vergebung für meine scheinbar menschliche Unvollkommenheit. Der Mönch lächelt mir zu. Nein, er wird mir nicht vergeben, niemand wird es tun, denn es gibt nichts zu vergeben. Buddha hat erkannt, dass alles in jedem Moment vollkommen ist.

Noch eine Weile sitzen wir in der Sonne, unterhalten uns mit einigen Mönchen, erfahren, dass ihr Tag um 5 Uhr morgens beginnt und geprägt ist von einer streng geregelten Abfolge aus Beten und Arbeiten, Lernen und Essen. Um 21 Uhr beginnt die Nachtruhe.

Inzwischen ist es früher Nachmittag. Wir haben ein paar Fotos gemacht von uns vor diesem unfassbar beeindruckenden Panorama, haben im nahen Gasthaus eine Suppe gegessen (immer noch viel Kikeriki im Bauch) und machen uns jetzt auf, die 4000-Meter-Grenze zu nehmen. Die ist da oben, sagt unser Guide Som, und zeigt auf den mit Gebetsfahnen geschmückten Bergrücken des Thamserku: Eine Gruppe von Steinmanderln markiert die Stelle. „I wait here.“

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Die Steinmanderl markieren die 4000-Meter-Marke, laut Höhenmesser sind es sogar ein paar Meter mehr. Wir – ganz ohne Höhenrausch – mit Kloster im Hintergrund

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Dirk und ich steigen mit einigen anderen Trekkern hinauf. Oben werden die Höhenmesser gezückt und Fotos gemacht. Der Blick geht auf die Berge, die sich inzwischen aber in den üblichen Nachmittagswolken verstecken. Und plötzlich kommen mir die 4000 Meter so albern vor. Nicht für so eine Zahlenspielerei lohnt sich die anstrengende Reise in den Himalaya. Aber jede Sekunde im Kloster ist es wert gewesen, her gekommen zu sein. Die Aura dieses Ortes gespürt zu haben.

„Lass uns gehen“, sagt Dirk, „es wird kalt.“ Wir machen uns auf den Rückweg zur Lodge in Tashinga. In drei Stunden ungefähr sind wir da. Es ist der Anfang unserer Rückreise über Lukla nach Kathmandu.

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Ganz weit oben in den Top-Ten der Klöster mit dem besten Blick: Tengboche. Dahinter erheben sich der höchste und einer der heiligsten Berge des Himalaya – Mount Everest und Ama Dablam

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