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Nepal: Trekking im Himalaya – 3. Etappe von Namche Bazaar nach Khumjung

Höhe Namche Bazaar: 3440 Meter • Höhe Khumjung: 3850 Meter • Distanz: ca. 6 Kilometer • Gehzeit: ca. 4 Stunden • Besonderheiten: Susanne geht es nicht gut; Wanderung bis auf 3900 Meter, toller Blick auf Ama Dablam und den Mount Everest; erste Begegnung mit der Sherpa-Kultur

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Ein Reisebericht von Susanne Baade und Dirk Lehmann

Dass es ihr heute nicht gut gehen würde, hatte sich schon gestern Abend abgezeichnet. Jetzt sitzt Susanne am Frühstückstisch wie ein Schatten ihrer selbst, ein Häuflein Elend mit Kopf-, Nacken- und Magenschmerzen, mit Durchfall und Appetitlosigkeit. Die Höhenkrankheit? Sicherlich setzt ihr die Höhe zu. Doch sie kennt die Symptome der Migräne nur zu gut. Und so ist klar: Sie wird heute das Zimmer nicht verlassen können.

Für einen Moment komme ich mir wie ein Verräter vor als ich beschließe, dennoch mit Som eine Tour zu machen und Susanne zurück zu lassen. Aber ist die Geschichte des Alpinismus nicht auch eine der miesen Heroen? Hat nicht Reinhold Messner am Nanga Parbat seinen Bruder zurück gelassen, ist nicht Gerlinde Kaltenbrunner ohne ihren Mann auf den K2 gerannt, schickte Speedkletterer Benedikt Böhm nicht kurz unterhalb des Manaslu-Gipfels seine Begleiter ins Basecamp und stürmte allein weiter? Susanne sagt matt: „Geh nur.“

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Trekking-Stampede: Namche Bazaar ist Ausgangspunkt für Touren ins Everest Gebiet

Som und ich machen eine Akklimatisations-Tour. Mit hunderten von Trekkern schnaufen wir, ähem, schnaufe ich einen Hügel hinauf (Som schnauft nicht). Wir erreichen eine Hochebene, folgen einem schmalen Panoramaweg mit enormen Weit- und Tiefblicken in die krasse, aber erstaunlich grüne Bergwelt des Himalayas. Bis weit über 4000 Meter scheint die Vegetationszone zu reichen, niedrige Büsche und Bäume, durchzogen von Tierpfaden, die malen ein rotbraunes Linienmuster in die Hänge.

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Panorama für Trekker und Heli-Fans: Weg nach Tashinga und der Hotel-Landeplatz

Schließlich liege ich im Gras vor dem „Everest View Hotel“ (Som sitzt am Heil-Landeplatz und bestaunt das Ausflugsgerät der Luxus-Urlauber) und genieße die Ruhe. 3880 Meter hoch. Vor mir die 6856-Meter-Pyramide der Ama Dablam. Und im Hintergrund, rund 30 Kilometer Luftlinie entfernt, der noch einmal 2300 Meter höhere Mount Everest. Ich bin fast allein. Nur zwei Italiener und eine Handvoll Deutsche verteilen sich auf der Wiese, alle anderen Trekking-Urlauber scheinen weiter gezogen zu sein.

Zur Zeit sind die Basecamps „in“. Die Reisenden quälen sich zu den Zeltdörfern der Alpinisten, stolpern durch deren Müll, japsen in der dünnen Luft, frieren auf Höhen von mehr als 5000 Metern und können gar nicht sagen, was sie da eigentlich wollten. So treffen wir später ein Paar aus Kanada, die es – so formulierte es die Frau, der Mann schwieg vielsagend – „gerade eben hinauf geschafft haben“. Würden die beiden noch einmal ins Everest-Basecamp gehen wollen? Sie antwortet sofort: „Nein. Nie.“ Er: „Es ist eine besondere Herausforderung…“ Die Sonne scheint, ein Vogel pickt Keks-Krümel aus dem Gras, in der Luft liegt der Duft der Wacholderzweige. Ich nehme das Fernglas, doch kann ich niemanden auf dem Gipfel sehen.

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Steinwälle, Kinder und Yak-Dung: In den in Hochtälern gelegenen Dörfern Khumjung und Kunde leben die Sherpa. Ihre Lebensweise prägt diese Region zwischen 3600 und 4000 Metern Höhe. Die Höhe kann ihnen nichts anhaben: Sherpa kommen nie ins Schnaufen

Über die Dörfer Khumjung und Khunde kehren wir zurück nach Namche Bazaar. Dies hier ist Sherpa-Land. Die Volksgruppe prägt dieses Hochtal, Steinwälle grenzen Felder ein, die Häuser aus Naturstein sind flach, ihre Dächer türkisgrün. die Menschen sammeln Yak-Dung, den sie in Fladen zum Trocken auslegen oder an Mauern kleben, damit wird geheizt. Sie vergraben Kartoffeln in der Erde, es ist ihr Wintervorrat. Sie verkaufen billigen Tand, Made in Tibet, an die Wanderer. Und sie sitzen in ihren bunten Kleidern auf den Wiesen, spielen mit ihren Kindern, genießen die Sonne. Das Liebevolle, die Wärme solcher Momente steht im krassen Gegensatz zu uns Hightech-Trekkern, die wir in unserer Plastik-Membran-Rüstung durch die spätsommerliche Bergwelt schreiten (schon heute Abend, wenn die Temperaturen schnell fallen, freuen wir uns über den Schutz).

Die Sherpa sind die großen Profiteure des Himalaya-Tourismus. Sie organisieren Touren, betreiben Hotels und sorgen sogar dafür, dass irgendwie jeder in einem Dorf davon profitiert. Basis der Sherpa-Gemeinschaft ist die Familie. Die nächste Instanz ist das Dorf. Man heiratet und trauert miteinadern, beratschlagt und feiert zusammen. Ein eigener Kosmos.

Spätnachmittags kommen wir zurück nach Namche Bazaar. Susanne sieht blass aus, doch geht es ihr schon wieder besser. Und am Abend sitzen wir mit Som im Restaurant und essen zusammen. Susanne nimmt nur eine Tomatensuppe mit Reis. Som und ich bekommen Dal Bhat, das nepalische Nationalgericht. Und werden es bereuen. Schon in der Nacht muss ich mehrere Male auf die Toilette. Wir beide haben, wie Guide Som sagt, „Kikeriki im Bauch“.
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Das Leben in der Höhe – ein Kinderspiel: Münzen werden auf ein Loch geworfen. Wer trifft, darf den Einsatz der anderen behalten. Nepalische Münzen sind nicht viel wert und deshalb selten

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