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Nepal: Aus den Gassen in den Himmel über Kathmandu

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Mode und Moderne, Tradition und Trekking in den Straßen von Thamel

Zeitverschiebung: 3 Stunden 45 Minuten. Klima: feucht-heiß. Währung: 1 Euro = 106 nepalische Rupien. Kaufkraft: In Kathmandu kostet eine Flasche Wasser 20 Rupien, eine Flasche Everest-Bier 230 Rupien, ein nepalesisches Mittagessen 100 Rupien, ein internationales Mittagessen 450 Rupien, ein Hotelzimmer zwischen 400 Rupien und 200 US-Dollar.

Ein Reisebericht von Susanne Baade und Dirk Lehmann

Unser Hotel liegt in Thamel. Der Stadtteil ist eine Mischung aus Bangkoks-Chinatown und dem Suk von Kairo. Doch verkaufen fast alle Händler in den Gassen das gleiche: Outdoor-Kleidung. Kathmandu ist Ausgangspunkt für viele Expeditionen und Trekking-Reisen in den Himalaya. Die meisten Produkte, so heißt es, sind Fälschungen. Ich habe in einem Shop die gleiche Daunen-Weste von Mammut hängen sehen, wie ich sie habe. Sie hätte nicht einmal ein Drittel des deutschen Ladenpreises kosten sollen. Experten sagen, selbst das ist noch zu viel für den Schrott. Allerdings können auch nur Experten den Unterschied zwischen Original und Fälschung erkennen. Mir gelingt es nicht.

Durch Thamel zu spazieren, ist nicht leicht. Immer wieder hupen einen Autos von den schmalen Straßen, die kaum breit genug sind für zwei einander begegnende Fahrzeuge. Aus den Läden locken die Verkäufer. „Cheap! Cheap! Billig! Billig!“ rufen sie. Andere fragen „Wo kommst du her, mein Freund?“ Die Regeln sind einfach: Es gibt keine festen Preise. Man fragt, verhandelt und hat am Ende immer das Gefühl, zu viel bezahlt zu haben. Dabei sind die Preise für viele Produkte hier so niedrig, dass man sich genau so gut für jede runtergehandelte Rupie schämen könnte.

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Durbar Square – das historische und spirituelle Zentrum am Stadtrand Kathmandus

Wir verlassen Thamel und kommen durch Stadtteile wie Thahity und Basantapur. Zwei Mönche entdecken uns und drücken uns einen roten Punkt auf die Stirn. „A blessing“, sagt der Ältere der beiden und fügt hinzu: „A donation.“ Als ich im ihm 50 Rupien in die Hand drücke, sagt er: „More.“ Ich gebe auch noch seinem Schüler einen Schein. Und die beiden ziehen ab. Wir erreichen den Durbar Square, den heiligen Platz der Stadt. Schwer bewaffnete Polizisten stehen vor dem Taleju-Tempel, dem höchsten von rund 50 Tempeln und Pagoden. Grund für den Polizeieinsatz: eine Demonstration der Kommunisten. Wir wollen einige der Statuen und Schnitzereien ansehen. Doch immer mehr Demonstranten und immer mehr Polizisten ziehen auf. Und wir ab.

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Da entdecken sie uns: der Mönch und sein Schüler. Und schon ist die Stirn gepunktet

Vorbei am rosafarbenen Königspalast, der heute ein Museum ist. Vorbei am wuseligen Busbahnhof, an dem die Fahrer abenteuerlicher Gefährte, auf deren Karossen Slogans stehen wie „King of the Road“ oder „slow drive – long life“. Vorbei am Park, in dem die Händler ihre Stoffe und Kleider, T-Shirts und Schuhe anpreisen, und in dem die Köche von ihren Garküchen Momos verkaufen, gefüllte Teigtaschen, und fritierte Teigkringel. Es ist eine wundersame Welt, die einen überwältigt mit melodiösen Stimmen und süßlichen Düften. Am späten Nachmittag erst finden wir zurück in den Garten unseres Hotels. Und sind völlig erschöpft.

Mann, ist das eine schwierige Stadt. Nichts fühlt sich hier vertraut an. Alles muss man diesem Mini-Moloch abringen, besonders das Flanieren. Sobald man auch nur ein paar Sekunden am Straßenrand stehen bleibt, um zu fotografieren oder sich zu orientieren, kommen von allen Seiten Händler, selbsternannte Fremdenführer, Bettler. Um nicht ständig von Rikscha- und Taxifahrer angesprochen zu werden, haben wir uns angewöhnt, entgegen dem Verkehr zu gehen – das hat auch den Vorteil, dass man in letzter Sekunde aus dem Weg springen kann, sollte einer der ständig hupenden Autofahrer doch drauf halten.

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Eine Seltenheit ruhige Gassen wie diese. Hat einen Ehrenplatz im Hotel-Garten: Vishnu

Es gibt keine Straßencafés in Kathmandu. Wer einen Moment der Ruhe sucht, flüchtet sich auf ein Dach, in eines der Rooftop-Restaurants, oder hinter hohe Mauern oder Zäune, in einen Beergarden. Man trinkt sich ein wenig Mut an für die letzte Etappe des Rückwegs zum Hotel. Und möchte dann doch ständig weiter laufen, noch mehr sehen. Wir empfinden eine starke Hass-Liebe zu Kathmandu.

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Die Anreise ist nicht ohne: Lehmpiste hinauf zur Summit View Lodge über der Stadt

Nach drei Tagen verlassen wir Thamel und machen uns auf zur in den Bergen über der Stadt gelegenen Summit Village Lodge. Auf 1800 Metern Höhe treffen wir unseren Guide für das Trekking im Himalaya. Den Wechsel aus den Gassen in den Himmel über Kathmandu hielten wir anfangs für einen banalen Hotelwechsel. Dass der Abenteuer-Charakter haben wird, deutet sich an, als wir den betagten Mercedes-Geländewagen sehen, auf dessen Dachträger nun unsere Rucksäcke liegen. Fast eine Stunde lang windet sich der Wagen durch lichten Tropenwald über eine steile, rote Lehmpiste, deren Buckel und Schlaglöcher uns manchmal den Atem nehmen.

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Blick aus dem Garten: auf die Berge und die freundliche Männerwirtschaft der Lodge

Doch als wir aussteigen und auf die kleine Wiese treten, um die sich die Gäste-Bungalows der Lodge gruppieren, sind wir sicher, für diesen Blick hat sich jeder Schlag gelohnt: unter uns das Kathmandu-Tal mit den Städten Braktapur, Patan und Kathmandu. In der Dämmerung gehen die ersten Lichter an, ein Flugzeug landet. Dahinter zeichnen sich, von der untergehenden Sonne zart angeleuchtet, einige Bergspitzen des Himalyas ab, imposante Eisriesen wie der 8091 Meter hohe Anapurna, der gewaltige Manaslu (8156 Meter), die Lang Tang-Kette (höchster Punkt 7246 Meter) und der Sisal Pangma (8013 Meter). Was ein Panorama!

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Im Himmel über Kathmandu: Test-Trekking durch die Bergwelt des fruchtbaren Tals

Am nächsten Morgen machen wir mit Som – sprich: Schumm –, unserem Guide, eine kleine Wanderung. Wir lernen einander kennen, gewöhnen uns an sein Tempo. Und wir erklären ihm, was wir suchen im Himalaya, dass uns nicht die Höhenmeterjagd treibt sondern eher das Bedürfnis, diesen Bergen nahe zu sein. Wir kommen ganz gut miteinander klar. Und dennoch sind Susanne und ich einigermaßen gedämpft, als wir am Abend unsere Taschen umpacken.

Einen unserer Rucksäcke müssen wir in Kathmandu lassen, mehr als 15 Kilogramm Gepäck pro Person sind für den Flug nach Lukla nicht erlaubt (unser gesamtes Gepäck für fünf Monate wiegt 37 Kilogramm). Wir stellen den Wecker auf 5.30 Uhr und kriechen unter die Decken. Wir werden nicht besonders gut schlafen. Denn Lukla, der Ausgangspunkt für fast alle Reisen in die Everest-Region, gilt als einer der gefährlichsten Flughäfen der Welt. Immer wieder kommt es da zu schlimmen Unfällen. Beim letzten starben 19 Menschen. Das war Ende September.

Morgen soll das Wetter schön werden.
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