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Portugal: Surfing in Ericeira – „Relax on the board!“

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Sommer in Portugal: Blick auf die Wellen, die sich bald als kaum beherrschbar erweisen 

Ein Reisebericht von Susanne Baade und Dirk Lehmann

Vielleicht war ich hochmütig. Ich hatte gedacht, dass mir das Surfen, aka Wellenreiten, nicht so schwer fallen sollte, schließlich war ich jahrelang Sommer für Sommer zum Windsurfing gefahren, habe mein Brett durch unzählige Baggerseen manövriert, auf Nord- und Ostsee, auf dem Gardasee und dem Mittelmeer. Gut, das Ding hatte eine Stange, an der man sich festhalten konnte. Aber habe ich nicht auch auf einem Board gestanden? War ich nicht auch Wind und Wellen ausgesetzt?

Ach, ich Depp!

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Noch mehr schäme ich mich für freche Gedanken. Wenn Susanne und ich etwa am Strand lagen und auf die Wellen sahen, wie sie sich aus dem eigentlich ruhig wirkenden Atlantik erhoben, aufrichteten, um majestätisch mit weißer Krone dem Ufer entgegenzustreben. Wieso, so dachte ich, reitet denn keiner von den Surfern, die da wartend auf ihren Brettern sitzen, diesen Traum von einer Welle? Und ich lästerte über manchen Wellenreiter, nannte ihn einen Poser!

Ach, ich Großmaul!

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Als ich einer Bekannten erzählte, dass Susanne und ich nach Portugal reisen, schwärmte sie vom Atlantik. Seit Jahren surft sie. Ihr Mann surft ebenfalls. Die beiden haben eine Tochter, klar, auch das Kleinkind surft. Familienferien in Neopren. Auch wir, als Paar auf Reisen, sind neugierig auf die Wellen. Und Ericeira ist ein perfektes Reiseziel für Surfer. Der Ort, den einst der Fischfang nährte, lebt längst von Urlaubern im Kunst-Kautschuk, seine Strände bilden erste „World Surfing Reserve“ Europas. Nichts und niemand darf etwas tun, was das Meer daran hindert, so wundervoll gegen das Land zu stürmen.

Ach, die Wellen!

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Dass sie und ich nicht zusammen kommen, zeichnet sich früh ab. Take-Off nennt man den Sprung aus der Liege-Haltung auf dem Brett in den Stand: Man paddelt die Welle an, wird schneller, springt auf und surft los. Schon bei den Übungen am Strand habe ich den Eindruck, einen Rucksack voll Blei zu tragen. Surflehrer João kommt kurz ins Grübeln, als er sieht, dass ich zu lang bin für das Board. Man soll beim Anpaddeln die Fußspitzen auf das Brett stellen, doch wo meine Fußspitzen sind, ist kein Brett mehr. „Leg einfach die Fersen aneinander“, sagt João, „und heb die Füße aus dem Wasser, sie bremsen sonst nur.“ Wer das versucht, weiß wenigstens, warum so viele Surfer ein Sixpack haben.

Ach, die Haltung!

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Man ist ein schwaches Wesen, wenn man auf einem Brett liegend auf eine Welle zupaddelt. Die spült einen weg. Man streift sich das Wasser aus den Augen, robbt zurück aufs Board, nimmt die Füße hoch, versucht es erneut. Die nächste Welle kommt. Und spült einen weg. Man versucht die Bewegungsabläufe zu beschleunigen, will fertig sein, bevor einen die Welle wegspülen kann, klammert sich ans Brett. Und dann sagt der Surflehrer, ich solle nicht verkrampfen: „Relax on the board.“ Man möchte ihn umbringen.

Ach, die Lehrer!

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Die Jungs der Surf-Academy „Pocean“, die uns beibringen wollen, auf einem Brett zu stehen, das durch ein Wellental stürzt (schon die bloße Beschreibung offenbart die Absurdität dieses Vorhabens), sind wahre Sunnyboys: braungebrannt, muskelbepackt, sie tragen große Badehosen, haben großen Humor und große Geduld: Werde eins mit den Wellen, sagen sie. Was ein Satz! Doch die Wellen wollen nicht eins sein mit mir. Drei Tage versuche ich, ein Surfer zu werden. Es sind Tage der Demut.

Ach, ich Anfänger.

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Mehrere hundert Stunden habe er gebraucht, um ein guter Surfer zu werden, sagt unser Lehrer Ricardo. Es ist als Aufmunterung gemeint. Ich aber sehne mich nach meinem Rennrad. Ja, man kann auf Reisen viel ausprobieren. Aber leider reicht die Zeit nicht, um das Surfen zu erlernen. Morgen machen wir uns auf den Weg nach Lissabon. Eine Stadt am Wasser, aber ohne Wellen. Seit einiger Zeit soll es da etwas geben, was noch vor zehn Jahren undenkbar gewesen wäre – ein Fahrradverleih.

Ach, ich Radfahrer.

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