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Portugal: Surf-Kurs in Ericeira – lass dir Zeit, genieße die Ruhe vor der Welle

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Surfing Portugal: Aufwärmübungen am Strand von Ericeira, und die Sonne erhitzt das Neopren

Ein Reisebericht von Susanne Baade und Dirk Lehmann

Dirk und ich stehen am Rand des Parkplatzes und schauen aufs Meer. Es ist halb zehn, also ganz schön früh für unsere Verhältnisse – normalerweise gibt es um diese Uhrzeit den ersten Café – und noch liegt leichter Dunst über dem Strand „Ribeira d´Ilhas“ bei Ericeira. Doch wir wissen, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die Sonne den Nebel verdampfen lässt und das Meer wieder glitzert. Wir beobachten die Wellen, die gleichmäßig gegen den steinigen Strand anrollen. Wegen der perfekten Bedingungen wurde Ribeira d`Ilhas 2011 zum ersten europäischen Surf-Schutzgebiet ernannt (weltweit gibt es vier), auch Etappen des Surfweltcups werden hier ausgetragen. 

Doch heute werden die Zuschauer vor dem Beach-Café und die Sonnenhungrigen auf den Strandliegen ganz andere Wellenreiter sehen als die eleganten Wettstreiter, die hier sonst um Punkte kämpfen. Heute steigt ein halbes Dutzend blutiger Anfänger in den kalten Atlantik, mit Brettern groß wie Boote und gelben Leibchen, damit man rechtzeitig erkennt: Vorsicht, Hindernis! Unter ihnen, Dirk und ich.

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Doch noch steht Ricardo im Lieferwagen zwischen Surfboards und Neoprenanzügen. Er schaut uns kurz an und reicht passende „Neos“ raus. Ricardo ist Mit-Inhaber von „pocean“, und das Unternehmen will nicht bloß eine Surf-Schule sein, nein, eine Surf-Academy. Ob wir die absolvieren werden? Wir zwängen uns in die Anzüge, in Füsslinge und watscheln mit dem Surfbrett unter dem Arm an den Strand, wo sich die kleine Gruppe im Halbkreis versammelt zu ein paar Aufwärmübungen.

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Die fallen mir leicht, viele der Bewegungen gleichen denen beim Yoga, die Position auf dem Board – Zehenspitzen berühren das Brett, die Arme sind angewinkelt und neben dem Brustkorb aufgestellt – ähnelt der „Kobra“. Dirk liegt konzentriert im Sand und erhält Instruktionen von Surf-Professor João, der ihm zeigt, wie man aus der Bauch-Lage in den Stand springt. Diese Bewegung nennt man den Take-Off. Wenn sie denn klappt. Dirk hüpft auf die Füße, doch João ist nicht zufrieden. Schneller müsse das gehen, die Füße eher parallel, die Knie gebeugt, die Arme leicht ausgestreckt. Dirk schwitzt.

Während Dirk bereits vor einigen Jahren in Australien eine Surf-Stunde gehabt hat, endete mein einziger Versuch, das Wellenreiten zu erlernen, bevor er überhaupt anfing: Mit Freunden war ich nach Peniche gefahren, und als ich am ersten Abend das gemeinsame Apartment betrat, stolperte ich über ein auf dem Boden liegendes Brett und schnitt mir an der scharfkantigen Finne den Fuß auf. Die Wunde musste mit drei Stichen genäht werden und verheilte während ich am Strand saß und den anderen zusah. Wahrscheinlich bin ich der einzige Mensch, der eine Surfverletzung hat, ohne je auf einem Brett gestanden zu haben.

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Jetzt staksen wir mit unseren Boards ins Meer. Der Anzug saugt sich mit Wasser voll, es ist angenehm warm, die Wellen zerren an den Brettern. Sobald wir knietief im Atlantik stehen, können wir lospaddlen heißt es, ich lege mich auf´s Brett. Meine Arme rudern und rudern. Ich komme kaum von der Stelle. Das heißt, ich komme sehr wohl von der Stelle, die Strömung zieht mich in die falsche Richtung, und João ruft mir zu: „Paddle rüber zu Ricardo. Er wird dir helfen.“ Ich paddle und paddle, schon werden meine Arme schwer, doch gegen das kabbelige Wasser komme ich kaum an. Im Gegenteil, von der ersten größeren Welle werde ich gewaschen.

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Ich setze mich aufs Board, atme durch. Ich bin nicht entmutigt, nein, auch wenn mir jetzt das Wasser aus de Nase läuft. Selbstverständlich würde ich gern „eins werden mit der Welle“, den „flow“ spüren und Spaß dabei haben. Früher wäre ich vielleicht verbissener gewesen, jetzt spüre ich vor allem Ruhe. Nichts lässt sich erzwingen. Ich steige vom Brett und gehe, es durch das hier noch flache Meer hinter mir herziehend, zu Ricardo. Er gibt den Kommilitonen der Academy einen Anstoß, so dass sie in die Welle schießen und aufs Brett springen können. Und kurz darauf wieder runter fallen.

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Ricardo bringt auch mich in Schwung. Ich drücke mich hoch, springe aufs Brett. Und stehe. Die Welle rollt auf den Strand zu. Trägt mich. Ich denke: „Wow, ist das schnell!“ Kaum habe ich den Gedanken beendet, plumpse ich kopfüber ins Wasser, das Brett surft noch ein Stück weiter, bis es von der Leash an meinem Fußgelenk gestoppt wird. Ich schnappe nach Luft. Da kommt die nächste Welle.

Dirk hat mir zugesehen und hebt die Daumen. Meine weiteren Versuche sind nicht weniger mühselig, und nicht immer ende ich stehend auf dem Brett. Aber ich lerne langsam, mich mit Strömung der Wellen zu bewegen und es zu genießen. „Wir respektieren das Meer“, hatte Ricardo gesagt, „aber wir haben keine Angst.“

Als wir völlig erschöpft wieder am Strand stehen, zittern mir die Hände vor Anstrengung, und ich habe Hunger. Ich bin froh, dass ich raus gegangen bin, meinen Respekt vor den recht großen Wellen überwunden habe und dennoch bei mir geblieben bin. Es hat Spaß gemacht da draußen. Dirk sagt: „Wir sollten morgen wieder kommen, wir sollten jetzt am Ball bleiben.“

Obwohl ich mir nicht sicher bin, ob ich morgen meine Arme überhaupt werde heben können, nicke ich mit dem Kopf: „Ich bin dabei.“
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