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Portugal: Zeitreise in die Seele eines Landes – die Burg der Christusritter in Tomar

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Zeitreise durch Portugal: „Der Herr ist mein Fels“ – die Burg der Chrstusritter in Tomar

Eine Reisebericht von Susanne Baade und Dirk Lehmann

Es gibt Orte, die einem die Seele eines Landes verständlich machen. Solche Orte sind nie die großen Sehenswürdigkeiten, sie liegen meist abseits, verbergen sich oft hinter Hässlichkeit oder abschreckenden Bezeichnungen wie UNESCO Weltkulturerbe. Kaum ein Begriff ist mehr zur Unkenntlichkeit gedehnt worden als der des Weltkulturerbes. Fast 1000 Stätten zählen inzwischen als eins, darunter so verschiedene wie die Freiheitsstatue und der Ilulissat-Gletscher, die Reisterrassen in den philippinischen Kordillieren und die Burg von Tomar. Längst ist nicht mehr nachvollziehbar, was diese Stätten eint, und jedes Jahr kommen neue hinzu. 

Tomar ist eine 40.000-Einwohner-Stadt. Keine besondere Schönheit. Die Innenstadt weist eine schlichte portugiesische Calçada auf, das typische Pflaster aus weißem Kalk und schwarzem Basalt. Es gibt eine Kirche, eine Synagoge, ein Streichholzmuseum, einen hübschen Park mit Palmen und blühenden Rhododendren am Rio Nabão, einen 74-jährigen Friseur, der Façon-Schnitte liebt (dazu später mehr), und eine gewaltige Burganlage. Sie thront auf einem Fels hoch über der Stadt. Sehenswürdigkeit, Weltkulturerbe und ein Ort, an dem man viel lernen kann über dieses Land.

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Chorgang und Wehrgang: ein Ort der Kontemplation und des Kampfes

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Es ist nicht die Architektur der Burg, an der bereits im 12. Jahrhundert gearbeitet wurde, die nicht berühmt ist für ihre Schanzen und Wehrgänge, Türme und Kerker sondern für ihre Kreuzgänge und Kapellen, für Sakristei und Refektorium, Dormitorium und Skriptorium. Diese Besonderheit nämlich lässt sich leicht erklären: Die Burg war Stammsitz eines Ritter-Ordens, war Kloster und Wehranlage in einem. Doch wichtiger ist, wessen Stammsitz die Burg war: Hier predigten und kämpften die Christusritter. Und die Geschichte dieser Bruderschaft erzählt erstaunlich viel über die Mentalität des Landes.

Der Orden der Christusritter geht aus einer mythischen Organisation hervor, aus den Templern. Die wurden um 1120 von französischen Adeligen gegründet, als eine Art Pilger-Miliz mit der Aufgabe, den Gläubigen auf dem Weg von Europa nach Jerusalem Geleitschutz zu bieten. Alle Tempelritter mussten ein Gelübde ablegen, asketisch und zölibatär leben wie Mönchen. Und als Kämpfer waren sei den Ehre-Idealen des Rittertums verpflichtet. Man kann die Templer für eine mittelalterliche UN-Friedenstruppe halten oder für eine christliche Hisbollah.

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Mönche mit Macht: Die Christusritter hatten viel Einfluss in Portugal

Die Templer waren populär, viele Adelige schlossen sich dem Orden an, schenkten ihm Geld und Ländereien. Auch wenn die Tempelritter militärisch kaum Erfolge hatten, ihre Kreuzzügen gegen die „Ungläubigen“ endeten in bitteren Niederlagen, wurden sie einflussreiche Ratgeber. So einflussreich, dass der französische König die Templer im eigenen Land unter fadenscheinigen Vorwürfen verhaften und anklagen ließ, viele wurden öffentlich verbrannt. Kurze Zeit später löste der frankreichhörige Papst den Orden auf. Doch nur wenige Jahre danach, 1319, gründete der portugiesische König den Orden der Ritterschaft Jesu Christi und übertrug ihm alle Besitztümer der Templer.

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Baudenkmal und Denkanstoß: das Manuelinische Fenster und ein Wandgeist

Es war eine politische Entscheidung mit dem Ziel, die Unabhängigkeit des kleinen Staates auf der iberischen Halbinsel zu stärken. Und es war die Geburtsstunde einer neuen gesellschaftlichen Kraft. Die Christusritter wurden zu einer Instanz in Portugal, angesehene Familien gaben ihre Söhne zur Erziehung in die Obhut des Ordens, berühmte Portugiesen wie Vasco da Gama, Pedro Álvares Cabral und Martin Behaim gehörten dem Orden an. Und die Schiffe, mit denen Heinrich der Seefahrer auf Entdeckungsreise ging, trugen das Emblem des Ordens – das rote Kreuz auf weißem Grund.

Die Burg bei Tomar ist eine Stadt über der Stadt. Fein säuberlich getrennt voneinander lebten hier Kämpfer und Geistliche, Novizen und Weltliche, und vom so genannten „Gang der Brot-Brocken“ speiste man die Armen. Vor allem aber die Organisationsform des Ordens, die strenge Hierarchie, dieses ständig auf die eigene Unabhängigkeit pochen, der Stolz, das sind Charaktermerkmale, die die Portugiesen heute noch prägen. Von daher lohnt sich die Zeitreise in den Convento de Cristo von Tomar. Und wer das Libretto zur Burg liest, mit den vielen langen Namen, die allein mehr als die Hälfte der gesamten Textmenge einzunehmen scheinen (ohne dass man sie zuordnen kann), der versteht auch die Obrigkeitshörigkeit der Portugiesen.

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Eine eigene Welt: Innenhof mit Brunnen und Schlaftrakt mit Kammern für die Mönche

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Park und Pflaster am Fluss: Tomar liegt am Ufer des Rio Nabão

Das Thema Zeit bleibt uns weiter treu. Seit rund acht Wochen habe ich mir die Haare nicht mehr schneiden, den Bart nicht mehr stutzen lassen. Susanne und ich machen uns auf die Suche nach einem Barbier und finden João. Der ist 74 Jahre alt, seit 60 Jahren Friseur und seit 40 Jahren Inhaber eines kleinen Salons, seine Zugehörigkeit zu den Selbstständigen zeigt er, indem er den Nagel des kleinen Fingers an der linken Hand hat lang wachsen lassen. Was João aus mir macht, zeigt dieser kleine Film:

Am Abend fahren wir trunken mit Eindrücken in unser Hotel (ja, für ein paar Tage haben wir das Zelt in den Kofferraum verbannt). Die Quinta de Santa Bárbara ist ein besonderer Ort, ein Gutshof aus dem 16. Jahrhundert, oberhalb des Flusses Tejo gelegen, mit einem fantastischen Blick über die bewaldeten Hügel rund um das historische Örtchen Constância. Nur fünf Zimmer hat das Hotel, einen kleinen Pool mit großer Aussicht und eine eigene Kapelle. Vollkommen besoffen von all der Geschichte streifen wir durch das Haus mit den dicken Dielen und den weiß gekalkten Wänden, mit alten Ölgemälden und dicken Vorhängen.

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Landgut mit Pool und viel Geschichte: die Quinta de Santa Bárbara bei Constância

Und entdecken, dass dieser Gutshof sogar in den „Lusiaden“ von Luis de Camões erwähnt wird. Die Verse sind quasi das National-Epos Portugals. Geschrieben wurden sie von einem Dichter, der es zeit seines Lebens nie zu Ruhm brachte und völlig verarmt an der Pest verstarb. Wovon sein Hauptwerk erzählt? Von einem stolzen Land, das einst den römischen Namen Lusitanien trug, das sich aufmacht, die Welt zu erobern. Es geht um Portugal:

„Genug vom schlauen Griechen, vom Trojan
Und von den großen Fahrten, die sie machten;
Genug von Alexander und Trajan,
Von Siegesehren auch, die ihnen lachten;
Ich singe jetzt vom tapferen Lusitan,
Dem sich Neptun und Mars gefügig machten.
Genug von dem, was früher war zu loben,
Denn ein viel größerer Mut hat sich erhoben.“

Dieser Ausflug ins Landesinnere war eine Reise in die Seele Portugals, eine Reise in die Zeit, bei der wir mal eben so mehr als 500 Jahre zurück gelegt haben. In den Kopfteil des Bettes in unserem Hotel ist ein Auge in einer Strahlenpyramide geschnitzt, das Auge der Vorsehung. Es ist das Symbol der behütenden Allgegenwart Gottes. Und das Symbol der Allwissenheit. Auch das noch! Mit einem matten Seufzer legen wir uns schlafen.

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