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Portugal: Ein Sommer am Meer – und die Hitze dehnt die Zeit

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Sommer in Portugal: Schließlich finden wir den Campingplatz und errichten unser Zelt

Eine Reisebericht von Susanne Baade und Dirk Lehmann

Freaks. Man muss uns für Freaks halten, wie wir in unserem Kanada-Outfit in Lissabon stehen – an den Füßen die schweren, Himalaya-tauglichen Wanderstiefel, Socken aus Merinowolle, wir tragen lange Jeans, schwarze Baselayer und Windstopper-Jacken. Die Airlines zwingen einen dazu, so bekloppt auszusehen. Das One-Piece-Concept ist die Pest im zeitgenössischen Luftverkehr. Man darf nur ein Gepäckstück einchecken mit einem Gewicht von maximal 23 Kilogramm, und das erniedrigt besonders Langzeitreisende: Sie ziehen mehr an als sie eigentlich brauchen, damit die Tickets für die Rucksäcke nicht teurer werden als die für ihre Träger. Und dann landet man an einem Septembernachmittag in Lissabon, die Sonne scheint, das Thermometer zeigt 33 Grad.

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Dies ist kein Campground: Hartnäckig suchen wir am falschen Ort…

Hitze lässt einen aber nicht nur lächerlich aussehen. Sie macht auch doof. Anders ist es nicht zu erklären, dass wir in dem winzigen Fiat-Punto mehr als eine Stunde durch die Gegend gurken – auf der Suche nach einem Camping-Platz. Wir haben dessen Adresse bei Google-Maps eingegeben, die Wegbeschreibung als Pdf auf unserem Macbook abgespeichert und folgen genau den Anweisungen: „Nach rechts abbiegen, um auf Av. Nunes de Carvalho/N247 zu bleiben“, „Rechts abbiegen auf Largo do Infante Dom Henrique“, „Weiter auf Alameda Coronel Lineares de Lima“, „bleiben auf Rua do Sintra“, „nach 70 Metern ist das Ziel erreicht“. Wer textet eigentlich diese bekloppten Anweisungen? Warum heißt es nie, Folgen Sie der N 247 in Richtung Terragem“? Haben die Google-Maps-Leute jemals versucht ein portugiesisches Straßenschild zu finden?

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…und finden in Ericeira einen Campground unter Bäumen – mit Blick aufs Meer 

Zwei, eigentlich sogar drei Mal fahren wir das Ziel an, suchen mit einer Hartnäckigkeit den Campground als wäre der eine Nadel im Heuhaufen. Bis wir endlich kapieren, dass nicht das Routing blöde ist. Wir sind es. Wir haben aus den fünf Adressvorschlägen von Google Maps schlicht den falschen gewählt. Rund 20 Kilometer misst der Umweg, den uns der Fehler kostet, auf den engen Landstraßen Portugals und wegen der unfassbar bescheuerten Fahrweise der Portugiesen brauchen wir dafür aber fast eine Stunde. Am Abend bauen wir unser Zelt in Sichtweite der Wellen auf. Das Meer rauscht. Die Sonne brennt. Gefällt vom Jetlag stürzen wir auf unsere Daunenschlafsäcke und schwitzen. Und schwitzen. Daunenschlafsäcke in Portugal! Freaks.

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Ein Strand, fast zu schön zum Surfen: Hier kann man nur liegen, lesen, entspannen            

Der nächste Tag ist der erste, den die Hitze verändert. Eigentlich waren wir nach Ericeira gefahren, um hier das Surfen zu lernen. Die Strände der kleinen Stadt, die im 19. Jahrhundert einen wirtschaftlichen Aufschwung durch die Ansiedlung einer Zollbehörde erlebte, und die während des Zweiten Weltkriegs Ziel vieler Flüchtlinge vor den Nazis war, sind 2011 zum ersten Surf-Reservat Europas erklärt worden. Soll heißen, niemand darf hier etwas ändern, was die Qualität der Wellen negativ beeinflussen kann. Ein perfekter Ort also, um das Wellenreiten zu lernen.

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Die Surfer sehen das anders und fahren sich in den Wellen die Neoprenanzüge dünn

Wenn es nur nicht so heiß wäre. Wenn wir nicht so entspannt wären. Und so lassen wir einige Tage verstreichen im Irrglauben, dass noch viele sein werden wie diese – warm, sonnig, die Welle donnert mit erhabenem Rauschen auf den Strand zu und duldet mit stoischer Ruhe die schwarzen Neopren-Reiter in ihrer Mähne. Bodyboarder drehen Pirouetten und Salti, Surfer gleiten stehend über das Wasser. Manchmal löst sich alles auf in einem Knäuel aus Gischt, Armen und Beinen.
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Am nächsten Tag kommt eine Freak-Nebelbank über den Atlantik und verschluckt alles…

Wir sehen zu und hoffen, bald selbst Teil der Bewegung zu sein. Doch als wir uns zu einem Kurs anmelden wollen, heißt es, das Wetter werde schlecht. Und tatsächlich verschwindet die Bucht von Ericeira am nächsten Tag in einem seltsamen Nebelphänomen, das über den Atlantik her aufzieht. Immer näher kommt die weiße Wand, lässt bald das Hotel auf dem vorgelagerten Kap im weißen Dunst unsichtbar werden und dann die ganze Küste. Keine Welle ist zu sehen. Nur das Rauschen zu hören, das ferne unerreichbare Wiehern des Meeres. Und wir wissen, wir haben es verpennt.

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…die Bade-Beautys auf den Nachbarn-Decken und das Hotel am anderen Ende der Bucht

Drei Tage soll das Wetter so bleiben. Erst neblig. Dann regnerisch. Und wir, noch immer tiefenentspannt, noch immer daran glaubend, dass unsere Chance kommen wird, wenden uns der Geschichte zu. Wir beschließen, nach Tomar zu fahren, um die Burg der Christusritter zu erkunden. Die Templer waren eine mythische Organisation, verbanden die Ideale des Rittertums mit der Lebensweise der Mönche. Der im 12. Jahrhundert gegründete Orden unterstand einst dem Papst, wurde dann aber in vielen Ländern Europas verboten, er war zu mächtig geworden. Das Königreich Portugals duldete die Christusritter, die auf einem Berg über Tomar ihre Ordensburg errichtete. Im Internet finden wir ein hübsches Hotel in einem Landgut aus dem 15. Jahrhundert. Und so surfen wir, die wir inzwischen die kurzen Hosen und die Sandalen wieder hervor geholt haben, zum Convento do Christo. Das Meer muss warten.

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Und erst ein Früh-Herbst-Sturm sorgt wieder für blauen Himmel und bemerkenswerte Wellen

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