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Kanada: In „Omas Schrankwand“ von Calgary nach Vancouver – worauf man achten sollte, wenn man ein Wohnmobil mietet

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Im Himmel über Calgary: Wolken, Straßenschilder und die Sehnsucht nach Weite

Ein Reisebericht von Susanne Baade und Dirk Lehmann

Stau. Stoßstange an Stoßstange schieben sich Pkw und Lastwagen über den Highway in Calgary. Stau. Mehr als Schritttempo geht nicht. Was für viele Autofahrer eine Alltagserfahrung sein mag, kommt uns nach Tagen der Abgeschiedenheit in den Rocky Mountains bizarr vor. So beginnt ein neuer Abschnitt unserer Kanada-Reise: Wir holen ein Wohnmobil ab, um damit von Calgary quer durch Alberta und British Columbia nach Vancouver zu fahren. Rund 3000 Kilometer. Eines der schönsten Road-Movies, das Kanada zu bieten hat. Es läuft allerdings nicht gut an, denn wir erleben vor allem eins – Stillstand.
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Entschleunigung vielleicht ein wenig zu wörtlich genommen: Stau auf der Stadt-Autobahn

Viel später als geplant erreichen wir den Vermieter Go West. Der Wohnmobil-Markt in Kanada ist umkämpft, viele Anbieter, viele Fahrzeuge, viele Preismodelle. Im Sommer sind die Wagen erst teuer und dann rar. Wir hatten uns zu spät darum gekümmert, hätten gern einen kompakten Camper-Van mit einem sparsamen Dieselmotor gehabt. Doch günstige Selbstzünder gibt es nur wenige, kleine Fahrzeuge sind immer als erste weg, und am Ende buchten wir ein 25-Fuß-RV mit Benzin-Motor. Da war uns noch nicht so richtig klar, wie groß ein mehr als acht Meter langer Wagen ist.

Jetzt stehen wir auf dem Hof von Go West – im Schatten eines nicht nur sehr langen, sondern auch 2,5 Meter breiten und fast vier Meter hohen Wohnmobils. Es ist weiß wie ein Kühlschrank. Und auch so kantig.
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Hier beginnt unser Abenteuer: Auf dem Hof von Go West übernehmen wir das Wohnmobil

Mehr als eine Stunde dauert die Übernahme des Wagens. Sehr gründlich geht der Mitarbeiter von Go West mit uns um das Auto herum, verzeichnet jeden Lackkratzer im Protokoll, erklärt den Unterschied zwischen Frischwassertank und Wasserdirektanschluss, zwischen Grau- und Schwarzwasser, zwischen 15 Ampere und 30 Ampere, zwischen Heizung und Klimaanlage. Und sagt schließlich, dass im Wagen eine Bedienungsanleitung liege. Zum Glück. Mir schwirren die Begriffe derart durch den Kopf, dass ich bestimmt den Wasserschlauch in den Schwarzwassertank gefädelt und durch das Klo das kleine Bad mit Waschbecken, WC und Sitzwanne geflutet hätte.

Von innen erinnert mich der Kühlschrank auf sechs Rädern an das Wohnzimmer meiner Oma aus Gelsenkirchen-Buer. Eine braune Schrankwand dominierte den Raum, der zudem ganz in Beige gehalten war, meine Oma sagte, eine andere Farbe passe doch nicht. Auch unser Wohnmobil ist vor allem in Beige und Braun gehalten. Und doch ist es ganz gemütlich. Wie nett, wir werden in Omas Wohnzimmer durch Kanada fahren.
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Camper im XXL-Format: 8 Meter lang, 2,50 Meter breit und fast 4 Meter hoch

Kanada ist Super-Size-Me-Land. Alles hier ist eine Nummer größer als in Europa: Natur, Straßen, Autos. Kanadier fahren vor allem SUVs oder Pick-Ups. Und obwohl man hier nirgends schneller fahren darf als 110 Km/h, haben diese Straßenmonster riesige Motoren. V 8 liest man auf vielen Motorhauben oder 5.3 Litres – und das meint nicht den Benzinverbrauch sondern den Hubraum. Auf unserem Wohnmobil heißt es „E-450 Super Duty“. Die Typenbezeichnung steht für einen der größten Benzinmotoren, den Ford je gebaut hat: 10 Zylinder, 6,8 Liter Hubraum, rund 300 PS. Der Tank hat ein Fassungsvermögen von 208 Litern (Schluck!). Im Internet hatte ich gelesen, dass das E für economic steht. Später wird sich herausstellen, dass das etwas übertrieben ist – selbst bei extrem sparsamer Fahrweise verbraucht der Wagen mindestens 20 Liter. Auf 100 Kilometer.

Wir verstauen unsere Kleidung. Das ist schnell erledigt, und viele Fächer der fahrenden Schrankwand bleiben leer. Unser Gepäck für 150 Tage passt in zwei Rucksäcke, in dem großen Wagen gibt es Stauraum im Überfluss, sogar eine gusseiserne Pfanne werden wir darin finden (es illustriert zudem, mit welchem Komfort man in diesem Camper unterwegs ist, da müssen sich Zelter wie wir erst dran gewöhnen). Und im Wagen ist noch mehr Platz als es scheint: Das Wohnmobil verfügt über einen so genannten Slide Out, man kann eine rund zwei Meter lange, etwa ein Meter tiefe Sitzecke – quasi das Esszimmer – seitlich ausfahren, wodurch sich der Innenraum deutlich vergrößert. Witzig, Omas Wohnzimmerschrank hatte etwas ähnliches, aus den beiden Türen auf der rechten Seite konnte man ein Bett herunter klappen, in dem ich als Kind schlief, wenn ich sie besuchte. Ich fand das aufregend wie die Geheimgänge in Agentenfilmen, und ging nirgends so gern schlafen wie im Schrank meiner Oma.

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Braun, Beige und Braunbeige ist die Einrichtung. Das Esszimmer lässt sich ausfahren

Ich starte den Motor. Omas Schrank brummt voller Tatendrang und setzt sich langsam in Bewegung. Wir fahren vom Hof, fädeln uns auf den Trans-Canada-Highway ein. Unser fast sieben Tonnen schwerer Wagen fährt sich überraschend leicht, eher wie ein Lieferwagen als ein Truck. Zwei Ziele haben wir in das Navigationsgerät eingegeben – den nächsten Supermarkt, um den Kühlschrank (mit Eisfach!) zu füllen, und den ersten Campground am Rande der Stadt, rund 30 Kilometer entfernt. Ein Prozent unserer rund 3000 Kilometer langen Reise. Der Motor dreht knapp 2000 Touren, und mit 80 Km/h braust unser Schrank dahin.

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Fahrt in den Sonnenuntergang: Auf dem Weg in die erste Nacht im Camper-Van

Sie wollen auch im RV (Recreational Vehicle) durch Kanada reisen? 8 Tipps für angehende Wohnmobilisten:

  • Kümmern Sie sich rechtzeitig um das Fahrzeug, mindestens ein halbes Jahr im voraus; bemühen Sie sich um einen Camper mit Dieselmotor, die verbrauchen deutlich weniger Kraftstoff
  • Ermitteln Sie die Größe des Wohnmobils an der Personenzahl Ihrer Reisegruppe; als Statussymbol taugen größere Wagen nicht, erstens fühlt sich jedes Wohnmobil nach zwei Wochen zu klein an, zweitens werden Sie in Kanada auf RVs treffen, die sprichwörtlich alles in den Schatten stellen
  • Prüfen Sie, ob der volle Versicherungsschutz im Preis enthalten ist, viele Vermieter verlangen für die empfehlenswerte Reduzierung der Selbstbeteiligung von 2500 bzw. 1500 auf 200 Dollar bis zu 12 Dollar pro Tag, beim deutschen Anbieter Canusa ist diese Versicherung inklusive
  • Viele Vermieter bieten Pakete mit begrenzter Kilometerzahl an, jeder zusätzliche kostet extra, rechnen Sie deshalb vorher genau die Strecke aus, die Sie fahren wollen, addieren Sie 500 Kilometer (Kanada ist groß!) und entscheiden Sie sich dann für das Mileage-Modell
  • Benzin ist teuer, ein Liter Normalbenzin kostet rund 1,30 kanadische Dollar (ca. 1,10 Euro), Diesel ebenso, Super 1,50 (1,30 €); selbst bei sparsamster Fahrweise – auf Highways nicht schneller als 80 Km/h – verbraucht der vielfach in Wohnmobilen verbaute E-450 Super-Duty nie unter 20 Liter auf 100 Kilometer
  • Wer von Calgary über Prince Rupert und Vancouver Island nach Vancouver fährt, legt rund 3000 Kilometer zurück. Für eine solche Strecke sollten Sie mindestens vier Wochen einplanen und 700 Liter Benzin (bei Stadtfahrten und auf Passstraßen rauschen gern auch mal 30 Liter durch die vielen Zylinder), die etwa 900 Euro kosten
  • Fahren Sie weniger, haben Sie Mut zur Lücke; uns hat es da am besten gefallen, wo wir auch mal zwei oder gar drei Tage geblieben sind, jeden Morgen weiter müssen, Kilometer kloppen und immer erst abends ankommen, ist das Gegenteil von Urlaub
  • In der Hauptsaison empfiehlt es sich, Campingplätze vorab online zu buchen; die Plätze in den öffentlichen National- und Naturparks sind günstiger (zwischen 16 und 28 Dollar pro Nacht), aber meist nicht so gut ausgestattet wie die privaten (zwischen 30 und 55 Dollar pro Nacht), die oft Strom-, Wasser- und Abwasseranschluss bieten und eine kostenlose Internetverbindung

Nächste Folge: unsere Route und die besten Campgrounds auf der Strecke von Calgary bis Vancouver

Mit Unterstützung von: Tourism British Columbia und Canusa

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